Wenige Tage vor Beginn des 27. Festivals für Musik und Tanz in Granada (19.6.–2. 7.) wurde das Zentrum Manuel de Falla offiziell eröffnet: ein Ereignis, dessen Bedeutung nicht auf Spanien beschränkt bleiben wird, sondern die internationalen Festivals möglicherweise bereichernd verändert. Die Vorgeschichte reicht bis 1962 zurück, als die Nichte und Nachlaßverwalterin Maribel de Falk anläßlich der Erstaufführung der postumen „Atlántida“ zum erstenmal auf Verständnis für ihren Wunsch stieß, in Granada – Pallas Wahlheimat, wo er von 1920 bis 1939 lebte und seine Hauptwerke schuf – ein Museum zu gründen. Der damalige Bürgermeister griff die Anregung auf, kaufte das am Hang der Alhambra gelegene Haus des Komponisten und nach und nach die angrenzenden Grundstücke. Maribel de Falk stiftete die Originalpartituren aller Werke, dazu etwa 15 000 Briefe (unter anderem an Lorca, Picasso, Alberti), Möbel und persönliche Gegenstände für das bescheidene Museum. Gleichzeitig arbeitete man an dem Projekt des Zentrums als eines ständigen Forums für Aktivitäten aus allen Bereichen der Kultur. Sechzehn Jahre vergingen, drei Bürgermeister lösten einander ab, zahlreiche bedeutende Künstler und der unermüdliche Eifer Maribel de Fallas unterstützten das Projekt. Schließlich stellte das Kultusministerium Anfang des Jahres die noch fehlenden Mittel zur Verfügung: nun fügt sich das Gebäude unmittelbar neben Fallas Haus harmonisch in den Alhambrahügel ein.

Die Architektur von José García de Paredes gründet auf ästhetisch-sozialen Kriterien des Komponisten: der Bau ist nahezu mönchisch schlicht und vielseitig verwendbar. Von der Alhambra aus unsichtbar, wird er in wenigen Jahren, efeubewachsen, ganz in die Landschaft eingefügt sein. Sorgfältig achtete man auf Details: das gebrochene Weiß der Innenräume verhindert die Reflektion, die Verwendung alter, rötlicher Dachziegel wahrt die Farbharmonie mit den umgebenden Häusern. Aber über allem steht die technische Perfektion: Die von Lothar Cremer überwachte Akustik entspricht (übertrifft?) der Philharmonie oder der Oper in Berlin (für die Cremer auch verantwortlich ist). Der Saal ist veränderbar und kann 897, 414 oder 1311 Besucher fassen (somit zählt er zu den zwölf größten Musikhallen der Welt); seine Bühne ein Symphonieorchester und einen Chor beherbergen (mit Orgel); sie ist ebenso für Musik- wie Theateraufführungen geeignet. Eine Bibliothek, das Museum, weitere neun Konferenzräume, Simultanübersetzeranlagen, Studienzimmer und Ausstellungsflächen vervollständigen das Zentrum.

Die Eröffnung war brillant. Das Nationalorchester spielte unter Leitung seines neuen Dirigenten Antonio Ros Marbá Werke von Falk. Die Ausstellung des granadinischen Malers Manuel Rivera beeindruckt mit Hommage-Bildern für Falk, Lorca und Picasso und dem „Retabel für die Opfer der Gewalt“.

Das Zentrum steht: nun muß es belebt werden. Es klingt wie ein Schildbürgerstreich, daß noch kein Direktor nominiert ist. Der aussichtsreiche, als fähig ausgewiesene Kandidat Paco Ramirez arbeitet zwar schon an einem Flamencoprogramm und einer spanischen Musikwoche für die Sommermonate... aber noch ist keine Entscheidung gefallen.

Hier kann auch der dynamische Staatssekretär für Musik, Jesus Aguirre, der erfolgreich auf den Abschluß der Arbeiten drängte, nur beratend einwirken. Er hat dem Musikleben in seiner einjährigen Amtszeit bereits wesentliche neue Impulse vermittelt: dem Nationalorchester einen neuen, jungen Dirigenten verschafft und es aus der Zwangsjacke der dreimaligen wöchentlichen Aufführung in Madrid befreit; ein Kammermusikorchester gegründet, das im Falla-Zentrum debütieren wird. Desgleichen wurde ein Ballettdirektor, Antonio Gades, ernannt, der vielleicht Anfang 1979 ein erstes Programm vorstellt. Ebenfalls vorbereitet wird eine Retrospektive zeitgenössischer spanischer Musik unter der Leitung von Luis de Pablo und Cristóbal Halffter.

In Madrid findet zur Zeit wieder die jährliche Buchmesse im Retiropark statt. 1977 quoll sie über von politischen Büchern und Basisinformationen zu diversen Themen. 1978 bietet sich ein verändertes Bild: geschichtliche und literarische Werke werden gekauft. Der Verlag Alfaguara, unter der Leitung von Jaime Salinas völlig rekonstruiert, steht im Brennpunkt des Interesses. Hier wird bewußt Kulturarbeit geleistet und konsequent Literatur publiziert. Während man geduldig/ungeduldig auf neue, gute spanische Bücher wartet, breitet sich die Oberzeugung aus, daß die zeitgenössische deutsche Literatur neben der lateinamerikanischen als beste und vielseitigste anzusehen ist. Und so erscheint Neues und wird bislang Verbotenes verbreitet. Der literarische Hit der Saison heißt Die Blechtrommel: Und Günter Grass wurde bei seinem Besuch sowohl als politisch engagierter Schriftsteller wie als literarische Persönlichkeit zur unumstrittenen Vedette der Buchmesse. Michi Strausfeld