Daß es in der Welt stand, ist nicht wichtig, denn es hätte ebenso in anderen Zeitungen stehen können: Das Wort: „Vieraugengespräch“. Der vollständige Satz, und zwar in einem Bericht aus Bonn, lautete: „In einem Vieraugengespräch hat Weyer am Dienstag Genscher gegenüber nicht mit Kritik gespart.“ (Welt Nr. 1032) Wie konnte das Wort entstehen? Wie konnte es unbehelligt an den Augen des diensthabenden Redakteurs vorübergleiten? Daß wir stutzen sollten, ist doch wohl das wenigste, was die Sprache von uns verlangt.

Es kommt vor, daß man von „vielsagenden Blicken“ und von „sprechenden Augen“ spricht. Doch Augengespräche... Da unterhielten sich also Augen miteinander. In unserem Falle vier an der Zahl; zwei gehörten Herrn Weyer, zwei Herrn Genscher.

Ich glaube aber nicht, daß Augen, seien sie noch so sprachbegabt, hören können. Das tun bei Mensch und Tier die Ohren. Nie hat man jedoch etwas von einem „Vierohrengespräch“ gehört. Stilisten, ran!

Wir dürfen wohl von einem Zweizungengespräch sprechen, vielleicht sogar von einem doppelzüngigen. Wahrscheinlich haben auch mehr als vier Ohren beim Vieraugengespräch gelauscht. Jedenfalls ist das Vieraugengespräch zweiter Politiker durch Umwandlung optischer in akustische Wellen anderen Menschen zu Ohren gekommen: den Journalisten, und dann von diesen wieder ins Optische zurückverwandelt worden: in Schreibmaschinen- oder Fernschreibeschrift. Schließlich wurde Druckerschwärze und Rotationsdruck daraus, so daß im Endeffekt meine beiden Augen durch das Vieraugengespräch angesprochen wurden. Sie waren im Augenblick etwas aufgerissen: vor Erstaunen.

Was passiert ist, erklärt sich aber leicht. Es hat jemand eine Abkürzung vorgenommen, vor allem etwas aneinandergekoppelt. Ein Verfahren, dessen unsere deutsche Sprache zur nimmermüden Verwunderung mancher Ausländer leicht fähig ist. So wurde aus dem alten, eindrucksvollen „Gespräch unter vier Augen“ das arme, abstrakte, atmosphärelose „Vieraugengespräch“.

Der Knüppel liegt beim Hund. Aber wo liegt der Hund?

Dort, wo die Sprachbilder aus: dem Rahmen genommen und bedenkenlos übers Knie gebrochen werden, so daß die Brocken wild umherfliegen und in Zeitungen, Briefen, Reden landen. Dort, wo unsere Eile uns kurzsichtig macht und damit eine Art Krankheit beschert, die fortschreitet: Kurzsichtigkeit gegenüber Sprachbildern. Man sollte einmal öffentliche Debatten darüber veranstalten: Hundertaugen- oder Tausendaugen- oder Hunderttausendaugengespräche.