„Glückliches Österreich – Literarische Besichtigung eines Vaterlands“, herausgegeben von Jochen Jung. Anthologien sind Glücksache, zumal solche. Man stelle sich nur vor: deutsche Autoren, von Achternbusch bis Zwerenz, wären von einem renommierten Verlag aufgefordert, ihr Vaterland literarisch zu besichtigen. Unvorstellbar weniger: was, eher: daß etwas dabei herauskommt. In jedem Fall kein Vergnügen. Das ist in Österreich anders. Dort nimmt man auch das Thema ernst, wohl: weil es dort noch Thema ist. Auf unterschiedliche Weise, nicht jeder gleich wie Thomas Bernhard, der deshalb wieder ausgeladen wurde. Nicht jeder wie Hans Weigel, der sich, als „unheilbaren Österreicher“ begreift, der Hilde Spiel, in „dieses Österreich eingehüllt“ sein will. Einunddreißig Autoren, von Achleitner bis Zenker alphabetisch angetreten und recht verschieden ausgerüstet, schreiben auf ihr Ziel los, mal mit schwarzer Tusche (Gerhard Rühm), mal mit ungemilderter Beschreibungswut, mit ironischer Skepsis, scharfsinniger Reflexion, gründlichem Zweifel. Erich Fried hängt Kärnten in Versen nach, Artmann konfrontiert den Ländern Österreichs „ehedem“ die „Ländlein heute“, und Eisendle behauptet forsch die„geographische, politische und wirtschaftliche Inexistenz für ihn ist Österreich „Sprache“ – als Heimat. Mit plausiblen Überlegungen weist Brandstetter nach, daß der größte Feind des Österreichers der Borkenkäfer ist. Holz nämlich, der wichtigste Exportartikel, gibt die solide Basis des Glücks ab, das sich so „bei einiger ökonomischer Vernunft immer wieder aufforsten“ läßt. Der Wald, das Glück und, das möchte ich ergänzen, Autoren wachsen also immer wieder nach. Anthologien, bei uns Glücksache, lassen sich in Österreich anlegen. Was in dieser Anthologie gesammelt ist, mehr die Wurzeln als die Blüten, gibt ein rundes, aber brüchiges, ein scharfes und zugleich widerspruchsvolles Bild des heutigen Österreich und, vor allem, seiner gegenwärtigen Literatur. (Residenz Verlag, Salzburg, 1978; 209 S., 28,– DM) W. Martin Lüdke