Berlin: „Don Potts“

Wer auf der letzten documenta war, kennt sie, die Auto-Skulpturen des Amerikaners Don Potts; dort standen die vier Auto-Skelette freilich in der Abteilung „utopisches Design“, und genau das war der Intention des Künstler/Erfinders entgegengesetzt. Diese Design-Abteilung wollte nämlich, so hieß es zweifach im Katalog, das Kapitel „Handzeichnungen“ um die Dimension der angewandten Zeichnung ergänzen. Genau der Anwendung aber verweigern sich die vier Modell-Chassis von Don Potts, der (Jahrgang 1936) 1975/76 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war. Deshalb zeigt er sie nun unter dem Titel „My First Car“ noch mal, ohne ein falsches interpretatorisches Ambiente; denn die vier Auto-Gestelle wollen nichts anderes sein als moderne Skulpturen. Einmal per Fernsteuerung mit Methanol angetrieben, oder mit einem Flugzeugmotor versehen, dann wieder, bis auf die Räder, ohne Antrieb, nur zum Rollen gedacht, dann, in kunstvoll verfugtem Fichtenholz eine reife Tischlerleistung demonstrierend oder schließlich, ausgestattet mit Segeltuchflügeln, aerodynamische Potenzen simulierend – dabei fast sämtlich ohne Fahrersitz. Wie automobile Utopien kommen diese hochtechnizistischen Gebilde daher, aber zugleich auch als verspielte Künstlerphantasien. Was diese bravourösen Bastelleistungen von utopischem Design unterscheidet, ist gerade die Verweigerung der Probe auf den Nutzeffekt – diese schnieken Chassis sind heimliche Attacken Wider den Gebrauchswert. Sie präsentieren sich scheinbar als typische Kinder des technischen Zeitalters, dem sie aber hinterrücks ein Schnippchen schlagen, indem sie zwar Funktionstüchtigkeit vorgeben, diese dann aber verweigern. Diese Intention verbindet Don Potts mit seinem Kollegen Panamarenko; was den Amerikaner vom Belgier unterscheidet, ist der Verzicht auf Poesie. Diese Auto-Kunst will zwar als utopischer Gegenentwurf, nicht aber als Attacke gegen den Individualverkehr, gegen Umweltverschmutzung oder Stadtzerstörung verstanden werden. (Akademie der Künste, bis 2. Juli, Faltblatt-Katalog, 3,50 DM)

Daghild Bartels

Köln: „Vor 30 Jahren – Deutsche Malerei und Plastik der Gegenwart, Köln 1949“

Eine Ausstellung wurde rekonstruiert, die nicht irgendeine Ausstellung war, sondern die erste, groß angelegte Übersicht deutscher Malerei und Plastik nach Kriegsende, nach dem Ende des tausendjährigen Reiches, dessen Herrscher zwölf Jahre Kunstvernichtung betrieben hatten. Daß Köln die erste Stadt war, in der man versuchte, das, was der Zerstörung entkommen war, zusammenzusuchen und damit auch einen Neuanfang zu ermöglichen, war kein Zufall: In Köln hatte 1912 der Sonderbund, 1914 der Werkbund ausgestellt; und daß Köln inzwischen auch die Stadt geworden ist, die die Sammlung Ludwig beherbergt, paßt in diese Linie. Eine exakte Rekonstruktion der Ausstellung von 1949, auf der 131 Künstler mit über 500 Werken vertreten waren, konnte man natürlich nicht machen – die Spur von so manchem, was damals hoch im Kurs war, hat sich total verloren, über 230 Arbeiten von 80 Künstlern sind, nach teilweise detektivischer Arbeit, jetzt zusammengeholt, und die Nachkriegsnamen, die damals dazu gehörten, sind fast alle dabei: Ackermann, Baumeister, Nay, Schmidt-Rottluff, Meistermann; in der Plastik Schwippert, Ehlers, Stadler, Marks. Was heute, im nachhinein, am stärksten auffällt: Während die Maler die Abstraktion nachholen wollten, bewahrten die Plastiker das heile Menschenbild. Gemeinsam war beiden und allen: die Ernsthaftigkeit, das Pathos, die Lust des Neuanfangs. Vor 30 Jahren: Zu sehen, wie fern und fremd uns das meiste davon heute ist, ist lehrreich und bedrückend. Wulf Herzogenrath, Jahrgang 1944, hat diese Ausstellung zu Ehren seines Vorgängers Toni Feldkirchen, Jahrgang 1902, ausgerichtet. Wie werden sich seine Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Jahre 2008 ausnehmen? (Kölnischer Kunstverein bis 20. August, Katalog 10,– DM)

Petra Kipphoff