Günter Gaus, Bonns ständiger Mann in Ostberlin, wird in den nächsten Wochen viel zu tun haben. Nachdem die DDR besonders für die devisenträchtigen deutsch-deutschen Verkehrsvorhaben Verhandlungsbereitschaft gezeigt hat, muß er herausfinden, welche Vorstellungen sie im einzelnen damit verbindet. Erst dann kann Bonn an den eigenen Plänen weiterschmieden und vor allem über das finanzielle Tableau Klarheit gewinnen.

An erster Stelle steht die milliardenschwere neue Autobahn zwischen Berlin und Norddeutschland. Obwohl noch keinerlei Vorentscheidungen gefallen sind, weder diesseits noch jenseits, wächst die Wahrscheinlichkeit, daß die Trasse in Richtung Hamburg verlaufen wird. Offenbar ist der DDR an dieser längeren Strecke aus Gründen ihrer Infrastruktur wie des Deviseninkassos mehr gelegen als an der Alternative, nämlich der kürzeren Route nach Niedersachsen. Eine solche Trasse würde überdies militärische Sperrgebiete berühren – wie sie umgekehrt auch auf einen wichtigen Nato-Abschnitt zielte. Insofern könnte sich rasch ein Gleichklang der Interessen einstellen.

Auch für den Ausbau der Wasserstraßen nach Berlin und zwischen der geteilten Stadt stehen die Zeichen nicht ungünstig. Das gleiche gilt für die Beseitigung des Engpasses beim Grenzübergang Wartha-Herleshausen samt einem gehörigen Stück Verbindungsautobahn, das den hessischen Randgebieten nützen würde.

Zumal dieses Projekt sieht Bonn auch unter besonderen innenpolitischen Gesichtspunkten. Denn konkrete Abmachungen hätten, so mutmaßen die Auguren, vielleicht vorteilhafte Auswirkungen auf die Hessenwahl, von der das weitere Schicksal der Bonner Koalition abhängen kann. Natürlich würden neue Rollbahnen wohl nur Zehntelprozente der hessischen Stimmbürger beeindrucken. Aber genau um die geht es ja womöglich.

An den Landtagswahlen liegt es auch, daß der Verteidigungsausschuß einer ziemlich tristen Zukunft entgegensieht. Ursprünglich sollten die Befunde, zu denen er als Untersuchungsgremium in der Spionageangelegenheit Lutze/Wiegel gelangt ist, noch in dieser Woche vom Bundestagsplenum behandelt werden. Aber die Opposition hat ihren Minderheitsbericht nicht rechtzeitig zu Papier gebracht, weil ihre Fraktionsführung den Affärentopf offenkundig bis zum Herbst auf der Flamme halten will.

Was Wunder, wenn die Koalition deshalb daran denkt, die Sache noch länger schmoren zu lassen – bis nach den Wahlen. Obwohl es so gut wie nichts mehr zu recherchieren gibt, sind nach der parlamentarischen Sommerpause neue Beweisanträge vorstellbar. Glücklich ist darüber niemand, auch nicht der Ausschuß Vorsitzende, der CDU-Abgeordnete Manfred Wörner. Die eigentliche Arbeit des Verteidigungsausschusses ist in den zurückliegenden Monaten entschieden zu kurz gekommen. Doch wenn Wahlen ins Haus stehen, hat die Vernunft oft Ausgang.

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