Von Peter Fuhrmann

Nach Salzburg kam er letztes Jahr schon ein paar Tage früher, um sich „atmosphärisch“ auf das Debüt einzustellen. Karajans „Salome“-Produktion zog damals genau eben jene Spezies von Publikum an, die dem jungen Polen bis dahin noch nicht begegnet war: die mondäne Geldaristokratie westlicher Provenienz. Sein Blick ging während der Vorstellung denn auch mehr seitwärts als nach vorn, zur Bühne hin. Nicht die zur Schau gestellten Roben, vielmehr Gesichter und Reaktionen waren für ihn die angepeilten Studienobjekte. Und sie testete er haarscharf. „Ich weiß nicht“, so sagte der Pianist Krystian Zimerman mir nachher, „wie man ein solches Publikum je zufriedenstellen kann. Das ist satt und maßlos verwöhnt.“

Dann folgte, tags darauf, sein hinreißender Chopin-Klavierabend, der dem jungen Polen einen triumphalen Erfolg einbrachte. Quasi im Handumdrehen hatte er das so gefürchtete neue Terrain erobert. Und auch danach kommentierte er, was während des Spiels von ihm beobachtet worden war: „Das Publikum ist ruhig, aber es hört nicht zu.“ Da traut sich ein junger Mann aber eine ganze Menge an Urteil zu, denkt man im stillen. Woher nimmt er das?

Vielleicht aus dem geographischen Umfeld, dem er entstammt, nämlich Polen. Dort sind nicht zuletzt auch die rezeptionellen Verhältnisse des Musikalischen anders: Man hungert nach großer Kunst, zumal wenn sie von eminenten Persönlichkeiten interpretiert wird. Bernstein habe beispielsweise, erzählt Zimerman, nach seinem Warschauer Konzert bis drei Uhr morgens weiterkonzertieren müssen (am Klavier oder wie auch immer). Wer zum alle fünf Jahre stattfindenden Internationalen Chopin-Wettbewerb komme, könne mit eigenen Augen sehen, wie man in Polen Anteil nehme: Tausende Menschen belagern während der Ausscheidungen die pianistische Kampfstätte und steigen notfalls sogar übers Dach ein, um den Kordon zu durchbrechen. Notwendigerweise mußte per Funkleitung Abhilfe geschaffen werden, damit einige weitere Tausend in einem benachbarten Großraum wenigstens akustisch an diesem renommierten Leistungsstreß teilhaben können.

Leben wir im Westen wirklich in einer anderen Welt? Wer nimmt denn, um nur ein Gegenbeispiel zu nennen, etwa von der Bonner Bevölkerung am selbstgefällig aus dem Boden gestampften und wohl reichlich großspurigen, vielleicht oder wohl doch: gewiß auch überflüssigen „Deutschen Musikwettbewerb“ des Deutschen Musikrats teil, der in diesen Wochen zum viertenmal ausgetragen wird? Wer weiß in der breiten Öffentlichkeit überhaupt davon?

Jener letzte Warschauer Chopin-Wettbewerb hatte – 1975 – den Benjamin dieser Runde, Krystian Zimerman, wie einen Meteor am Pianistenhimmel erscheinen lassen, als er – 1956 ist er in der Nähe von Katowice (Zabrze) geboren und wurde zunächst vom Vater, dann an der Musikschule seiner Heimatstadt ausgebildet – weit über einhundert Konkurrenten aus aller Welt aus dem Feld schlug. Von der 23 Mit-’ glieder aus 17 Nationen zählenden Jury wurde ihm damals spontan der erste Preis zuerkannt – nach zwanzig Jahren erstmals wieder einem Polen –, dem die Chopin-Gesellschaft und der Polnische Rundfunk gleich je einen Sonderpreis für die beste Polonaisen- beziehungsweise Mazurka-Interpretation mitverliehen.

Was das heißt, mag man daran ermessen, daß immerhin Maurizio Pollini (1960) und Martha Argerich (1965) ebenfalls von Warschau aus ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit getreten sind, aber auch manche, die es später dennoch zu etwas brachten, dort scheiterten. Nüchtern, wie der außerordentlich sympathische, geistreiche und von ebenso viel Humor wie Takt geprägte junge Mann seine zweifellos üppigen Zukunftschancen sieht, arbeitet er auch an sich weiter, „Ein Wettbewerb“, so sagt er, „kann nur ein Anfang, kein Ziel sein. Er vermittelt einem den Eintritt in die großen internationalen Konzertsäle. Davon kann man profitieren.“