Es ist. schon die dritte Runde um. den gleichen Block, und immer noch steht die Phalanx der parkenden Wagen dicht geschlossen. Es ist kurz vor neun, der Kaffee im Pappbecher, der die Suchzeit verkürzen soll, ist fast leer. Kurz vor acht bin ich den Abschlepphyänen noch gerade entwischt. Und ich bin nicht allein, es ist die morgendliche Agonie tausender Autobesitzer in Manhattan.

Wie zur Warnung rollt ein Polizist auf seinem Motorrad (mit Regendach) vorbei. Bei einem falsch geparkten Wagen klopft er an die Scheibe, der Fahrer hatte gerade am Steuer seinen Morgenschlaf zu verlängern gehofft. Einem anderen verpaßt er einen Strafzettel über 25 Dollar (vor einem Hydranten hätte es 35 Dollar gekostet). In der Ferne kurvt ein beutegieriger Abschleppwagen, findet einer seinen Wagen nicht sofort wieder, wo er ihn zuvor abgestellt hat, muß er ihn nahe den alten Piers für 60 Dollar einlösen. Schließlich klappt es doch: Hinter einer Reihe doppelt geparkter Wagen schert einer aus, ich rutsche rein. Paßt. Mit dem Toyota kein Kunststück zwischen den anderen großen Schlitten.

Das morgendliche Rotieren hat einen Grund, der heißt: „alternate side of the street parking regulations“. Theoretisch bedeutet dies, daß jede Straßenseite einen um den anderen Tag ein paar Stunden geräumt werden muß zwecks Säuberung des Rinnsteins, (was manchmal geschieht, manchmal auch nicht, in welchem Fall die Anwohner zur Selbsthilfe greifen und die Hydranten von sich aus aufdrehen). Praktisch bedeutet es aber, daß man so gut wie gar nicht oder nur unter Einsatz übermäßig vieler Energieeinheiten überhaupt parken kann, egal, wie früh man vor der Stunde X kommt: Immer ist die andere, die „gute“ Straßenseite, schon ausgebucht.

Warum fährt der Mensch in Manhattan überhaupt ein Auto? Gilt nicht diese wie kaum eine andere amerikanische Großstadt als Paradies für Fußgänger mit einem zwar an Streß und Lärm kaum zu überbietenden, sonst aber leidlich funktionierenden und vor allem schnellen Nahverkehrssystem? Wer je in Houston oder Los Angeles ohne Auto dastand, weiß, wovon die Rede ist.

Mit anderen Worten, Autobesitzer in Manhattan sind also entweder unbelehrbare Narren oder haben ein Scheckbuch, das sie von allen Parksorgen befreit.

Oder sie nennen sich Besitzer eines Hauses auf Long-Island, zu dem sie am Wochenende irgendwie, irgendwann gelangen müssen; es mag auch sein, daß sie vorübergehend ein Auto verwalten, das ihnen kanadische Freunde, die via New York nach Europa entschwanden, zwecks täglichen Parkplatzwechels hinterlassen haben.

Von hinten prescht ein schnieker Ford Lincoln heran, von rechts drängelt ein Bus; links setzt ein Taxi zur Querfahrt auf den rechten Bürgersteig an. Die erste Fahrt ist ein Alptraum für jeden, der an den Sinn von Fahrspuren glaubt, doch bald merkt er, daß Ordnung im Chaos steckt, oder besser: daß die Regellosigkeit von allen Beteiligten so gekonnt gehandhabt wird, daß Kopfschmerzen schnell verschwinden. Man gewöhnt sich an den kontinuierlichen Fluß der Fahrzeuge, begreift, daß Blechknäule sich meist so schnell auflösen, wie sie sich bilden, und, vor allem, daß Kaltblütigkeit oberstes Gebot ist. Slalomfahren auf sechsspurigen Avenuen läßt sich lernen, und wer es beherrscht, kann bei mäßigem Verkehr auch fünfzig Blocks auf einmal bewältigen.