Die Stahlkocher von Brescia fühlen sich zu Unrecht bestraft

Wird der europäische Baustahlkrieg diese Woche zu Ende gehen? Die Frage wird von den Stahlkochern, den Händlern und der Bauwirtschaft gestellt. Seitdem sich die europäischen Hersteller im Oktober 1977 auf Einladung der EG vertraglich zur Einhaltung von Mindestpreisen für Baustahl verpflichtet haben, werden diese Abmachungen immer wieder von einigen Baustahlfabrikanten aus dem italienischen Brescia durchbrochen.

Zunächst drückte EG-Aufseher Etienne Davignon gegenüber den italienischen Verstößen wider die Spielregeln ein Auge zu. Schließlich aber klebte er einigen unverbesserlichen Unterbieten! Strafzettel an die Elektroofen: Vier italienische Baustahlkocher sollen zwischen zehntausend und 160 000 Mark Büßgeld an die EG-Kasse abführen. Allerdings fühlen sich die billigen Stahl-Jakobs aus Italien nicht im Unrecht. „Wir betreiben kein Dumping, denn wir verdienen gut“, argumentieren sie. „Und im übrigen liegt es gar nicht an uns, wenn wir die Vereinbarungen nicht einhalten können“, kontert Carlo Rumi, als Präsident der Metallurgica Luciano Rumi SpA in Bergamo zur Zeit Europas größter Büßer (160 000 Mark).

Nach Rumi sind es die deutschen Stahlhändler, die den EG-Vertrag boykottieren. „Sie weigern sich, zu den vereinbarten Preisen zu kaufen, und geben sogar ganz offen zu, daß sie zusätzlich Rabatt haben wollen.“

Der streitlustige Rumi hat nach seinen Angaben den EG-Behörden auch die Beweise für seine Behauptung auf den Tisch gelegt. In Brüssel wisse man Bescheid. Davignon habe dennoch, hauptsächlich auf Drängen der französischen und belgischen Baustahlhersteller, gehandelt und deren Drohung ernst genommen, daß die Grenzen einseitig geschlossen und damit die europäische Montanunion gesprengt werden könnte.

Sobald das Zuteilungssystem mit der Abnahmegarantie durch die Partnerländer funktioniert, wollen Rumi und seine norditalienischen Kollegen den stählernen Pakt erfüllen. In der Praxis sieht das so aus: Die Metallurgica Rumi, die mit ihren eintausend Beschäftigten jährlich eine Million Tonnen Baustahl produziert, darf monatlich 6700 Tonnen auf den deutschen, und 5500 Tonnen auf den französischen Markt verkaufen. Natürlich nur zu den vereinbarten 198 000 Lire (rund 500 Mark) je Tonne glatten Baustahl.

Italiens Industrieminister Carlo Donat Gattin hat nun die Einrichtung einer gemeinsamen Einkaufs- und Verkaufsorganisation für europäischen Baustahl vorgeschlagen. Durch Prüfung aller Kauf- und Verkaufsaufträge soll diese Stelle eine Garantie dafür bieten, daß der Handel mit rechten Dingen zugeht. Kommissar Davignon hält jedoch nur einen zentralen Verkauf für organisierbar.