Die Arbeitsplätze lassen sich nur durch Beteiligung des Staates retten

Drei Tage lang waren die Cockerill-Werke in Seraing bei Lüttich in der vergangenen Woche ohne Telex- und Telephon-Verbindung zur Außenwelt. 500 Beschäftigte des zum traditionsreichsten belgischen Stahlkonzern gehörenden Werkes hatten am Mittwochmorgen die Büros besetzt und dabei Kabel und Leitungen gekappt. Damit wollten sie ihren Forderungen nach drei Prozent mehr Lohn, Herabsetzung des Rentenalters und Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit Nachdruck verschaffen.

Die Betriebsbesetzer in Seraing kamen zwar nicht von Hochöfen – sie sind samt und sonden Mechaniker im Maschinenbau –, dennoch ist ihre hitzköpfige Aktion kennzeichnend für das angespannte soziale Klima in der belgischen Stahlindustrie. Ab Donnerstag dieser Woche sind die 40 000 Stahlwerker zum Streik aufgerufen. Bleiben die letzten Bemühungen der Arbeitgeber, mit den beiden Gewerkschaften, der sozialistischen FGTB und der christlichen CSC, zu einer Einigung zu gelangen, ohne Erfolg, drohen die Hochöfen zwischen Gent, und Lüttich auszugehen.

Für die von der weltweiten Stahlkrise besonders angeschlagene belgische Stahlindustrie wäre ein landesweiter Streik ein harter Schlag, zumal die Verhandlungen zwischen der Regierung, den Unternehmen und den Gewerkschaften über eine Gesundung, des Industriezweiges dicht vor dem Abschluß stehen.

Diese sogenannten Tripartite-Gespräche hatten bereits im vergangenen Jahr begonnen. Damals konnte die Regierung die Unternehmen im Beisein und mit Zustimmung der Gewerkschaften dazu überreden, trotz der nachlassenden Nachfrage nach belgischen Stahlerzeugnissen bis Ende 1977 keine Entlassungen vorzunehmen. Diese Zusage ließen sich die Unternehmen mit zinsverbilligten Krediten von zehn Milliarden belgischen Francs (650 Millionen Mark) honorieren. In der Zwischenzeit beauftragte die Regierung die amerikanischen Unternehmensberater McKinsey mit einer Untersuchung über die Zukunft der Stahlindustrie.

Auch ohne die Prognosen von McKinsey hätte die Regierung erkennen können, daß dem Industriezweig ohne Stillegung von Produktionskapazitäten und Entlassungen von Arbeitern, freilich auch ohne neue staatliche Kredite nicht aus der Klemme zu helfen ist. Mit Rücksicht auf die hohe Arbeitslosigkeit, die gähnende Leere in den Kassen der Sozialversicherung und das wachsende Haushaltsdefizit sann die Regierung indes auf immer neue Möglichkeiten, das Unvermeidbare so lange wie möglich aufzuschieben. Doch seit der Tripartite-Runde von diesem Frühjahr ist der Weg der belgischen Stahlindustrie klar, wie die Brüsseler Wochenzeitschrift "Special" vermerkt: "Belgien wird eines der ersten europäischen Länder sein, das als Konsequenz der Krise einen Teil der Stahlindustrie nationalisiert."

Die Nationalisierungspläne gehen auf Willy Claes zurück, den sozialistischen Wirtschaftsminister der in der Hauptsache von Christdemokraten und Sozialisten getragenen Regierung Tindemans. Seine Formel lautet: Weitere Staatshilfen an die Stahlindustrie nur noch zu dem Preis, daß ein Teil der insgesamt auf über 35 Milliarden Francs bezifferten Verschuldung der Stahlunternehmen gegenüber dem Fiskus in staatliche Beteiligungen umgewandelt würde.