Sehr verehrte Gräfin Dönhoff,

ich schreibe Ihnen, ermutigt durch Ihr Interesse an meinem Vorhaben, für die Warschauer Polityka eine Reihe Interviews und Berichte über das Kulturleben der Bundesrepublik vorzubereiten, die das Ergebnis sind meines mehrwöchigen Aufenthalts in der Bundesrepublik, von etlichen Gesprächen mit deutschen Autoren, Redakteuren und Studenten. Ich bin Jahrgang 45, heute Germanist und Kulturredakteur, und verfolge seit Mitte der sechziger Jahre die Ihnen wohlbekannten Wege und Irrwege jener Entwicklung, die man vielsagend als „Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen“ bezeichnet.

Für mich ist der Krieg zwar ein lebendiger Begriff, aber keine unmittelbare Erfahrung mehr. Zu meiner Erfahrung gehören friedliche – wenn auch zwangsläufig nicht immer freundliche – Begegnungen mit den Deutschen, sowohl aus der DDR als auch aus der Bundesrepublik. Ich habe schon so manches Gezänk und manche Gehässigkeit erfahren, und doch kann ich mich nicht beklagen. Mit meinen Freunden in Leipzig und in Hamburg, in Ost- und in Westberlin habe ich – keineswegs immer gleicher Meinung – ab und zu mal deutsch-polnische Gemeinsamkeiten und Unterschiede erfahren, ähnlich, wie die deutschdeutschen sein mögen.

Die Luft zwischen unseren Völkern ist nicht mehr stickig, und doch habe ich manchmal den Eindruck, daß sie zwar besser, aber auch dünner wird. So scheint es mir jedenfalls nach den Gesprächen mit, Vertretern der Kriegs- und besonders der Nachkriegsgeneration. Es ärgert mich auch nicht mehr wenn eine Lehrerin in der Bundesrepublik unbefangen zugibt, sie habe kein einziges polnisches Buch gelesen oder wenn ein Student „Polen“ lediglich mit langen Grenzkontrollen, Gänsen, Panjewagen, Handkuß und gelegentlich noch mit Auschwitz assoziiert. Es wurmt mich aber, wenn mir ein junger Redakteur einer quasi linken Zeitung sagt: „Ihr Polen verlangt zuviel Interesse für euer Land. Ihr sollt so tun, als ob wir für euch irgendwo hinter den Pyrenäen liegen würden.“ Damit rechtfertigte er auch eigene Gleichgültigkeit und eine überaus freundliche Arroganz.

Das ist der springende Punkt! Ist ein Ausgleich der Kenntnisse zwischen uns überhaupt möglich? Es ist bedenklich, daß während der beinahe zehnjährigen Normalisierung kein junger deutscher Polonist sich in deutschen Zeitungen einen Namen gemacht hat. Es ist bedenklich, daß man den deutsch-polnischen kulturellen Beziehungen und Mißverständnissen nicht mal ein Zehntel der Aufmerksamkeit schenkt, die den deutsch-französischen zugemessen wird. Freilich, die Bundesrepublik und Frankreich sind Verbündete, wir sind es nicht; die Deutschen – wenigstens manche – haben auch seit je einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber der französischen Kultur, der unseren gegenüber nicht. Und schließlich sind die Franzosen unmittelbare Nachbarn der Bundesdeutschen, wir nicht. Das alles sollte aber kein Hindernis dafür sein, daß

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unsere mittelbare Nachbarschaft ihren Jean Amery, ihren Alfred Grosser hervorbringt.