Als sich die Fußballmannschaften von Polen und Peru 45 Minuten lang bekämpft hatten, als verträten sie die Vereine von Bürstadt und Baunatal, als wieder einmal 45 Minuten Leben torlos und trostlos dahingegangen waren, entfuhr dem bis dahin auch eher schläfrigen Fernseh-Kommentator Peter Jensen (ARD) eine Art von Stoßgebet: "Wir warten auf die große Offensive, wo immer sie auch herkommt!"

Das Gebet blieb ungehört: die Polen schossen irgendwie irgendein Tor, die Peruaner sahen furchtbar müde aus, und auch unser Fernseh-Kommentator begab sich resigniert in die große Defensive – meldete sich nur noch gelegentlich mürrisch zu Wort. Fußball im Fernsehen: das ist kein Entertainment, diesmal, bei der WM.

Nun gehört es zu den tiefen Weisheiten des Fußballs (die immer auch abgrundtiefe Schlichtheiten sind), daß jeder nur so gut spielt, wie es der Gegner zuläßt. Auf das Geschäft des Kommentators übertragen: jede Reportage ist nur so gut, wie das Spiel es zuläßt. Wo immer Unentschieden gespielt wird, gibt es auch für den Reporter keine Siege zu erringen. Wo die Fußballweisen (die immer auch abgrundtiefe Narren sind) nur noch wehklagend von der guten alten Zeit reden, das Aussterben der Fußballgötter betrauern, muß da nicht, in so dürftiger Zeit, auch das Amt des Reporters ein dürftiges sein? Das ist die Wahrheit – und doch nur die halbe.

Denn lange bevor der Niedergang der internationalen Fußballkunst begann (ein kapitales Stück Kulturvernichitung!), war die Kunst der Fußballreportage in die Krise geraten. Wie manch ein Abstieg, so sah auch dieser zunächst wie ein Aufstieg aus: das Fernsehen verdrängte den Radioapparat. Hatte die Fußballnation 1954 noch (blind, aber berauscht) dem unsterblichen Herbert Zimmermann ("Toni, du bist ein Fußballgott!") zugehört, so konnte sie schon ein Jahr später, beim deutschen Endspiel Rot-Weiß Essen gegen 1. FC Kaiserslautern (4:3), selber mitsehen und mitreden. Die Allmacht des Radioreporters (der seinem Publikum auch ein mittelmäßiges Spiel als ein hochdramatisches schildern konnte – wenn er es konnte) wich der Ohnmacht des Fernsehreporters, der nun bei jedem Fehler, jeder Übertreibung sofort überführt werden konnte. So verkümmerte durch das neue Medium Fernsehen allmählich eine der größten Qualitäten des Fußball journalismus: der Mut zur Lüge. Was genau so viel ist wie: der Mut zur Literatur.

Der romantische Typus des ewig euphorisierten, schreienden, mitleidenden Schlachtenbummlers (wie ihn noch der Reporter Zimmermann verkörperte) starb aus. Karriere machten nun Vertreter der Angestellten-Kultur: die Moderatoren – für die der Fußball kein Dämon mehr ist, sondern ein Verkaufsartikel. Sympathische, leidenschaftslose, weitgehend eigenschaftslose, immer aber tadellos angezogene Herren beherrschen heute die Szene. Ernst Huberty (ARD) und Dieter Kürten (ZDF), immer noch die weitaus besten von denen, die derzeit aus Argentinien berichten, verkörpern den neuen. Typus am cleversten. Sie würden auch in der Herrenabteilung von Karstadt oder in der Schalterhalle der Deutschen Bank eine glänzende Figur abgeben. Daß Fußball einmal ein proletarisches Vergnügen war (und ein chauvinistisches), könnte man, ihrer gepflegten Moderatoren-Suada lauschend, fast veressen. Vorbei die Eimsbütteler Tage – und Bonhof ist wirklich kein Fußballgott.

Natürlich kann man sich (wie es an dieser Stelle kürzlich ohne den gebotenen Ernst geschah) über die Worträusche der Intellektuellen in Sachen Fußball amüsieren. Aber besser solche Rausche als gar keine. Wenn ich unseren eloquent-sprachlosen, mittelständisch-arrivierten Fußballreportern zuhöre, würde ich mir wünschen, Karl Heinz Bohrer säße am Mikrophon und bräche in Tränen und Metaphern aus, oder Ludwig Hang erzählte von der saarländischen Fußballfreude, oder Walter Jens, unterhaltlich und belehrsam... Wenn er schon stirbt, der schöne Fußball, dann müssen große Redner an seine Bahre!

"Früher war es anders. Da brauchte man auch nicht immer von früher zu reden." Das steht in einem Stück von Peter Handke, 1973 geschrieben. Sein Titel, prophetisch auch für den Fußball : Die Unvernünftigen sterben aus.

Benjamin Henrichs