Von Hermann Bößenecker

Aus dem „letzten Strohhalm“ wird wohl doch noch ein Rettungsanker für das Pleiteunternehmen Körting im Chiemgau. Weder Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann von der CSU noch die Industriegewerkschaft Metall wollten zunächst glauben, daß ausgerechnet die Genossenschaftsmanager aus dem sozialistischen Jugoslawien die in Konkurs gegangene Körting Radio Werke GmbH im letzten Moment vor dem totalen Ruin bewahren würden.

Alle deutschen Firmen der Unterhaltungselektronik-Industrie hatten „Sanierer“ Jaumann und dem seit Ende Februar amtierenden Vergleichsverwalter Volker Grub die kalte Schulter gezeigt. Und als am 8. Juni am späten Nachmittag in der landschaftlich reizvoll gelegenen Viertausend-Seelen-Gemeinde Grassau, wenige Kilometer südlich des Chiemsees, die Hiobsbotschaft eintraf, daß man es auch im Hauptquartier des US-Konzerns General Telephone and Electronics (GTE) entgegen dem Vorschlag seiner europäischen Manager abgelehnt hatte, sich in Oberbayern zu engagieren, gab es für die noch gut 1200 Körting-Beschäftigten einen „schweren Schock“ – so Betriebsratsvorsitzender Erich Leitner. Die meisten hatten fest damit gerechnet, daß die Amerikaner in letzter Minute als Retter einspringen würden, da deren Emissäre bei ihnen schon ein und aus gingen und offensichtlich konkrete Pläne schmiedeten.

Tiefe Resignation machte sich nach der Absage breit. In Grassau empfand man die nun unausweichliche Einleitung des Konkursverfahrens als Katastrophe. Vor allem Frauen, die seit Jahren bei Körting gearbeitet hatten, waren verzweifelt. Sie sahen keine anderen Arbeitsplätze für sich im Chiemgau. Der bisherige Firmenchef Klaus Böhme litt unter dem Zusammenbruch des Unternehmens wohl am stärksten. Er hatte erst im Herbst 1975 nach dem überraschenden Tod seines Vaters das Regiment übernommen und glaubt heute, daß er „eine nicht zu gewinnende Schlacht verloren hat“.

Seit mehreren Monaten war die Belegschaft bereits zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her gerissen worden. Nach einer Kette geschäftlicher Fehlschläge hatte das Unternehmen im Februar den Vergleich beantragen müssen. Auslösendes Moment war damals der Zusammenbruch des wichtigen Abnehmers, der Elac in Kiel. Doch Körting war bereits vorher schwer angeschlagen: durch die hohen Verluste des 1975 geschlossenen Werkes in Pavia, Exporteinbußen in England und Frankreich, vor allem aber die Misere des langjährigen engen Geschäftspartners Neckermann. Die Übernahme der Neckermann-Häuser durch Karstadt war der schlimmste Schlag; denn damit fiel der Hauptabnehmer für Körting-Geräte weg.

Was niemand nach dem Rückzug der Amerikaner zu hoffen wagte: Schon eine Woche später trat Iwan Atelsek, Generaldirektor der jugoslawischen Gorenje-Werke mit Sitz in Velenje/Slowenien, vor die erregte Betriebsversammlung. In knappen Worten erklärte er die Bereitschaft seines Konzerns, Körting zu übernehmen. Noch am gleichen Tage wurde das Arrangement bei Minister Jaumann in München so gut wie perfekt gemacht: Der CSU-Politiker, der zunächst seine Skepsis gegenüber dieser ungewöhnlichen Lösung des Falls Körting nicht verhehlt hatte (er sah schon die Schlagzeile vor sich: „Sozialisten retten kapitalistischen Betrieb“), schlug rasch ein, als er sich von den ernsthaften Absichten der Jugoslawen überzeugt hatte.

Er sicherte ihnen die gleichen staatlichen Investitionshilfen wie den Amerikanern zu: zwanzig Prozent des Kaufpreises, der mehr als zwanzig Millionen Mark ausmachen dürfte. Auch auf sonstige Fördermittel aus den Programmen zur Arbeitsplatzbeschaffung und zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur – so wie sie jeder andere Käufer auch erhalten würde – kann Gorenje hoffen. Als man sich darüber einig war, signalisierte Jaumanns Presseabteilung unverzüglich: „Körting gerettet“.