Zuerst lief alles „wie bei Honecker (Zwischenruf). Die Aktionäre des krisengeschüttelten zweitgrößten deutschen Elektrokonzerns AEG Telefunken erteilten Vorstand und Aufsichtsrat, die sich zuvor in stundenlanger Debatte nicht grundlos heftig beschimpft hatten, mit jeweils mehr als 99 Prozent der Stimmen die Entlastung.

Doch diese Geschlossenheit, an der sich nicht nur diktatorische Regimes, an der sich auch die Verwaltungen deutscher Aktiengesellschaften gemeinhin erfreuen können wie an einem Gewohnheitsrecht, hielt nicht lange. Ausgerechnet da, wo es dem AEG-Boß Walter Cipa darauf ankam, brach sie in für hiesige Verhältnisse fast sensationeller Weise auseinander. Cipas Antrag, die Gesellschafter sollten doch das Stimmrecht eines Aktionärs via Satzungsänderung auf zehn Prozent beschränken, folgten nur 66,2 Prozent der Anwesenden. Ein halbes. Prozent zu wenig. Die Sache, für die sich Cipa persönlich so stark gemacht; hatte, daß – wäre er Minister – sein Rücktritt fällig wäre, war abgelehnt. Jubel in der Berliner Kongreßhalle, die Aktionäre beklatschten sich wie die Weltmeister. Gegen den Willen der Verwaltung zu entscheiden, so richtig demokratisch, das sollten ihnen erst einmal andere nachmachen. Eine Rarität, gewiß.

Doch auch eine Kuriosität. Denn die Kleinen hatten sich da bei Licht betrachtet für einen Größen geschlagen, den es überdies (noch?) gar nicht gibt. Für den großen Unbekannten, der seit nun drei Jahren bleibt, was er ist: der große Unbekannte, den die Kleinen auch schon trotzig sehnsuchtsvoll den „großen Bruder“ nennen. Geradezu inständig hoffen sie auf sein Erscheinen; denn daß es ohne seine Kraft gelingen könne, ihre immer noch sieche AEG auf die Beine zu stellen; das glauben sie nicht mehr so recht.

Walter Martius von der „Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz“, mit seiner engagierten Eloquenz ein Weißer Riese unter Deutschlands sonst so traurig blassen, immer auf die alten Klischees bauenden Aktionärsrednern, hat es am klarsten gesagt, beziehungsweise laut gerufen: „Wir brauchen den großen Bruder!“ Und der vor allem in eigener Sache noch redselige Altstar Kurt Fiebich hätte getönt: Das dauernde Erzählen von den Umstrukturierungsnöten des Konzerns „hängt uns nun langsam zum Hals raus. Was waren denn das für miese Strukturen?“ Miese eben. Jedenfalls, Fiebich war noch auf keiner AEG-Hauptversammlung „so skeptisch wie heute“. Nicht ganz ohne Grund. Hatte doch Walter Cipa zuvor nicht nur für 1978, sondern auch gleich noch für 1979 eine Dividendenzahlung quasi ausgeschlossen. Sein Ziel, eine Gewinnausschüttung für 1980, also im Jahre 1981. Sieben magere Jahre also, Jahre ohne Dividende.

Und der Aktionär Sörensen, aus Osterode im Harz, wo er unter anderem einen vierzig Jahre alten Haß auf den AEG-Konkurrenten Siemens pflegt, was ihm zwangsläufig zu einem wenn auch verzweifelten AEG-Treuen macht, rief seinesgleichen zu: „Es gibt keine Menschenrasse, die so duldsam ist wie die Aktionäre. Damit muß Schluß sein.“ Und dann holte er noch aus zur großen Apotheose: „Die Aktie darf nicht untergehen.“

Enthaltsamkeit empfohlen

Unterdessen dachten die anderen lieber an Epiphanias, an das Erscheinungsfest, das sie jenem großen Bruder so gern ausrichten würden und das sie ihm nicht dadurch vermiesen wollen, daß er, wie viele Aktien er auch immer kauft, nur ein Zehntel aller Stimmen bekäme.