Von Werner Sonntag

Mir brach der Todesschweiß aus“, mit diesen Worten beschrieb der Mann, dem ich im Park der Klinik Höhenried am Starnberger See begegnete, die Sekunde, als ihn bei der Gartenarbeit der Herzinfarkt traf. Todesangst ist eine wesentliche Begleiterscheinung von Arteriosklerose der Herzkranzgefäße, insbesondere bei Angina pectoris, Angst, die später, nach dem akuten Stadium, auch verleugnet werden kann. Zu solcher Dissimulation neigen gerade Herzinfarktpatienten, weil sie den – extravertierten – Typ des überaus dynamischen Menschen verkörpern. Eine weitere soziale Folge des Herzinfarktes ist die Isolierung: Aus der Arbeit ist er herausgerissen, trinken darf er nicht mehr, rauchen darf er nicht, mit dem Essen muß er sich zurückhalten – der Herzpatient ist in seinem alten Kreis zum Spielverderber geworden.

Rehabilitation, die vielzitierte, bedeutet, wenn sie nicht nur Arbeitsfähigkeit, sondern auch Lebensumstimmung und neue Sinngebung zum Ziel haben soll, lebenslange Betreuung. Wer soll die leisten? Von der Intensivstation ist der Patient, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist, Wochen später möglicherweise in eine Rehabilitationsklinik gekommen; dort wird er fit gemacht – und das will er ja auch ganz dringend –, aber eben vielleicht nur fit gemacht. Die Risikofaktoren werden ihm abtrainiert: das Übergewicht, der erhöhte Cholesterinspiegel, der Bewegungsmangel, das Rauchen. Doch der Risikofaktor der Risikofaktoren“? Ihm ist mit Medikamenten nicht beizukommen. Der Risikofaktor, der nach neuerer wissenschaftlicher Meinung die körperlichen Risikofaktoren erst wirksam werden läßt, liegt in der psychischen Struktur und den möglicherweise verdrängten Konflikten des Patienten begründet.

Zum Kardiologen also auch der Psychologe, Analytiker oder Psychiater? Unter Umständen; doch in einer Großstadt wie Hamburg sind Jahr für Jahr zweitausend Infarkte zu behandeln. Das Ziel ist – ähnlich wie in der Psychiatrie – eine Therapiekette: Das letzte und dauerhafte Glied in der Koronartherapie sollte die ambulante Koronargruppe sein oder wie immer sich ein solcher Rehabilitationszirkel nennt. Diese Vorstellung ist auf der ersten Tagung über die Arbeit dieser Gruppen entwickelt worden.

Begonnen hatte es damit, daß einige Ärzte in der Bundesrepublik zu einer Zeit, da die Medizin hierzulande noch von der Vorstellung geprägt war, man müsse Herzinfarktpatienten um Himmels willen schonen, darangingen, Koronarpatienten einer Bewegungstherapie. zu unterziehen. Anreger war in dieser Hinsicht Professor Gottheiner in Israel gewesen. Peter Beckmann schuf die aus Ausdauerübungen, Gymnastik, Bürstenmassage bestehende „Ohlstädter Kur“. Als erster in Deutschland integrierte der Arzt K. O. Hartmann Mitte der sechziger Jahre in Schorndorf bei Stuttgart Herzinfarktpatienten in seine Versehrtensportgruppe. Modellhaft arbeitet H. G. Ilker in Hamburg seit 1970 mit den Turn-und Sportvereinen zusammen.

So entstand ein Modell nach dem anderen: das Frankfurter, das Wieslocher, das Kölner Modell, wo unter dem Einfluß der Untersuchungen Professor Hollmanns ganz präzise die Pulsfrequenz zur Richtschnur der Belastung erhoben wird, was wiederum manchem der Entspannung predigenden Kollegen nicht paßt. Im Münchener Olympiagelände ist die Volkshochschule Trägerin des Rehabilitationssports, woanders wieder sind es die Kneipp-Vereine oder eigens zu diesen Zweck gegründete Vereinigungen. Einige Gruppen sind auf ärztliche Initiative an Krankenhäusern entstanden. Frau Carola Halhuber zum Beispiel treibt in zwei Gruppen mit Patienten Sport, die sie vorher auf ihrer Intensivstation im Kreiskrankenhaus München-Pasing liegen hatte. Kurz, der ganze Pluralismus der Gesellschaft spiegelt sich auch hier wider. Gegenwärtig gibt es in der Bundesrepublik – die Bestandsaufnahme ist noch im Gange – sechzig bis siebzig solcher Gruppen.

Das erste „Werkstattgespräch“, zu dem Carola. Halhuber Ärzte und Primärtherapeuten in die von ihrem Mann, dem Kardiologen Professor M. Halhuber, geleitete Klinik Höhenried gebeten hatte, wird man künftig wohl als Abschluß der Vorbereitungs- und Experimentierphase werten. Zwei Arbeitsgruppen befaßten sich mit Organisation und Finanzierung, zwei mit den Inhalten der Übungsstunden, eine mit der Lehre – man muß spezielle Übungsleiter ausbilden –, eine mit der Forschung. Bisher ist kein Fall bekannt geworden, daß ein Infarktsportler in der Übungsstunde einer Koronargruppe tot zusammengebrochen wäre (einen derartigen Fall hatte der Spiegel Mitte der sechziger Jahre zum Anlaß genommen, das Rehabilitationstraining Peter Beckmanns, heute Bestandteil vieler Kurkliniken, zu diskreditieren). Die Zahl der Zwischenfälle wird als äußerst gering bezeichnet. Das Risiko eines Herzkammerflimmerns oder eines Re-Infarktes sei für Herzkranke weit höher, wenn sie am Fernsehgerät oder im Stadion einem spannenden Fußballspiel zusähen.