itteilungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lesen sich zuweilen wie Frontberichte. Etwa so: „Sie werden in ihrer gefährlichsten Form in Asien vernichtet sein. Ebenso weltweit.“ Freilich, die kämpferische Attitüde kommt nicht von ungefähr – sie gilt dem Pockenvirus (Variola major).

Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts durchlitten 80 Prozent aller Menschen diese einst meistverbreitete aller Infektionskrankheiten – und nahezu jedes dritte Opfer überlebte sie nicht. Wer dennoch davonkam, verdankte sein Leben nicht selten einer Ironie: einer vorausgegangen milden Infektion durch einen verwandten Erreger, der eine Immunisierung bewirkte.

Heute beschränken sich Pockenepidemien auf Staaten der Dritten Welt, und diesen Ländern gelten denn auch die enormen Bemühungen der gelten So konnten die Pocken 1973 erstmals in Süd- und Mittelamerika als ausgerottet gelten. Und bis 1977 kamen außer Indonesien und Westafrika auch der indische Subkontinent, Zentrale afrika und Bangla Desh hinzu. Jedem ihrer mit großem Aufwand errungenen Erfolge – in Bangla Desh etwa durchkämmten mehr als 12 000 Mitarbeiter der WHO zwei Jahre lang Haus für Haus auf verdächtige Fälle – widmete die Unterorganisation der UNO eigens ein Zertifikat, auf dem schon bald stehen soll: „Weltweit ausgerottet.“

Zwar wurden die Pocken, konsequent bekämpft, auf eine biologische Nische am Horn von Afrika zusammengedrängt; der letzte vermeldete Fall stammt vom 26. Oktober 1977 aus Somalia. Gleichwohl sind aber an der global erhofften Ausrottung Zweifel erlaubt. Denn schon einmal war auf die optimistische Mitteilung der WHO kein Verlaß. 39 Pockenfälle etwa ereigneten sich von August 1976 bis Januar 1977 und immerhin 1567 von Januar bis Juni 1977 in Kenia und Äthiopien. Wissenschaftler verweisen denn auch auf die oft ungeklärte Herkunft einer Epidemie, die womöglich doch mit einer bislang unerwartet hohen Resistenz eingetrockneter Pockenviren zusammenhängt.

Auch scheint es mit der totalen Ausmerzung am Menschen allein nicht getan. Erstmals 1970 isolierten Forscher einen Affenpockenvirus aus einem infizierten Menschen. Im selben Jahr wurden immerhin 28 Erkrankungen am Menschen mit Affenpocken bekannt – darunter zwei Übertragungen von Mensch zu Mensch. Mindestens zwei Jahre, so erklärte ein Sprecher der WHO kürzlich in Genf, muß die Überwachung in allen Ländern weitergehen, bevor von Ausrottung die Rede sein könne. Um die Wachsamkeit zu fördern, sagt die WHO jedem, der einen Pockenfall entdeckt, eine Prämie von 1000 US-Dollar zu.

Ob eine solche Taktik unter den Analphabeten abgelegener Dörfer verfängt, steht freilich dahin. In Indien etwa ist für die jahrhundertealte Geißel der Pocken bis heute die Göttin Shitalla zuständig. „Manche meiner Landsleute“, umreißt ein indischer Gesundheitsbeamter die Folge solcher Tradition, „würden eher 100 Meilen weit zum Tempel der Shitalla pilgern und sie bitten, ihre Kinder zu verschonen, als sich im nächsten Impfzentrum drei Meilen weiter zu melden.“ Pj