Von Gerhard Prause

Torre Annunziata bei Neapel

Hier möchte man nicht mehr nur besichtigen, hier überfällt einen plötzlich die Neugier, aktiv mit- und weiterzumachen: Hammer und Meißel möchte man nehmen und die Säule, die erst an einer Seite frei ist, ganz aus dem Vulkangestein herausschlagen, möchte den hier versperrten Säulengang verlängern und eindringen in die noch unbekannten Räume dieser prächtigen Villa, möchte ihre Türen öffnen, ihre wundervollen Mosaikböden und die herrlichen Wandgemälde freilegen, die Truhen, Stühle, Ruhebetten, die hier möglicherweise verborgen sein mögen, nach zweitausendjährigem Schlaf wieder ans Tageslicht zurückholen, von dem es durch den Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 nach Christi Geburt so jäh abgeschnitten worden war. Hier, in der Villa Romana di Oplontis in dem Städtchen Torre Annunziata am Golf von Neapel, einer der erregendsten und erfolgreichsten Ausgrabungen der letzten Jahre, ist Archäologie noch einmal das große Abenteuer in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes, nämlich Begegnung, unmittelbare Wiederbegegnung, mit einer untergegangenen Welt, ist Archäologie, die Zeitmaschine, die uns schlagartig in eine weit zurückliegende Vergangenheit versetzt, mitten hinein in das herrschaftliche Leben reicher Römer.

Vor vierzehn Jahren haben italienische Archäologen unter Professor Alfonso de Franciscis mit der Ausgrabung der Villa von Oplontis begonnen. Oplontis war nicht, wie man noch vor dieser Ausgrabung glaubte, eine Stadt, sondern– so meint man jetzt – eine Aneinanderreihung prunkvoller Villen entlang der Straße von Neapel über Herculaneum nach Stabiae und weiter nach Surrentum, von der (wie noch heute) an dieser Stelle eine Abzweigung nach Pompeji führte. Das Unternehmen ist noch keineswegs abgeschlossen, obgleich bereits ein gewaltiger Komplex freigelegt und größtenteils auch schon bis ins Dach hinauf restauriert worden ist. Die weitere Freilegung aus der acht bis neun Meter hohen Verschüttung oder vielmehr aus einer glashart gewordenen Vulkan-Verschlammung stößt jedoch auf Schwierigkeiten, weil der Grabungskomplex auf drei Seiten scharf begrenzt ist: im Süden durch einen Kanal, im Norden durch Wohnblocks und im Westen durch eine Straße, die jetzt fast zehn Meter oberhalb des Villenfundaments auf dem hier senkrecht abgeschlagenen Lavagestein verläuft.

An der Südseite, wo einst der Blick weit hinaus aufs Meer ging, bis auf die Insel Capri, wo Kaiser Tiberius seine Villen hatte, in die er sich so gern zurückzog, glauben die Archäologen schon am äußersten Rand des Gebäudes zu sein. Ähnlich ist es an der Nordseite, wo sich einst ein großes Viridarium, ein Park, anschloß. Auch auf der östlichen Seite, wo man eben dabei ist, einen sehr großen Swimming-pool, von dem aus die Bewohner vor zweitausend Jahren ebenfalls einen freien Blick aufs Meer gehabt haben dürften, zu restaurieren, scheint die Grenze der Villa erreicht zu sein. Aber wie weit sich ihr Westflügel noch unter die Straße erstreckt, ist völlig offen. Und hier ist es, wo es den Besucher reizt, weiterzugraben, weil er sieht, daß hier einst alles weiterging: die Säulengänge, die Korridore, die Wandgemälde.

Wahrscheinlich bildete das etwa 125 Quadratmeter umfassende Atrium mit den drei dahinter liegenden großen Räumen, die miteinander verbunden waren und Durchblicke von dem zum Park ausgerichteten 80 Quadratmeter großen Salon durch die ganze Tiefe des Hauses bis aufs Meer gewährten, die Mittelachse der Villa. Dann dürfte im Lavagestein unter der Straße noch gut ein Viertel der Villa von Oplontis verborgen sein. Dabei liegen dreitausend Quadratmeter bereits offen vor uns.

Das muß man sich einmal vor Augen halten: wenn heute jemand über ein Grundstück von solcher Größe verfügt, ist das schon beachtlich; bei der Villa von Oplontis aber machte das allein die überbaute Grundfläche aus, ja, vermutlich war sie noch 1000 Quadratmeter größer. Die Wohnfläche betrug noch mehr, da die Villa zum Teil zweistöckig war.