• Herr Himmelreich, in der vergangenen Woche hat Arbeitsminister Ehrenberg aus einer neuen Untersuchung über den Arbeitsmarkt eine interessante Zahl zitiert: „Nur“ zehn Prozent der Arbeitslosen sind danach gar nicht an einem Job interessiert und wollen sich lieber in der sozialen Hängematte ausruhen. Hat Sie die Zahl überrascht?

Himmelreich: Zunächst einmal, zehn Prozent sind zirka 100 000 Menschen, und das scheint uns eine ganz beachtliche Zahl zu sein, die man nicht verharmlosen sollte. Damit dient man im Grunde genommen keinem. Und nach der Untersuchung, soweit sie uns heute auszugsweise vorliegt, sind außer diesen zehn Prozent, die nicht zur Arbeitsaufnahme bereit sind oder sonstwie erkennen ließen, an einer Arbeitsaufnahme nicht interessiert zu sein, noch einmal rund fünfzehn Prozent dabei, wo erhebliche Mobilitätsbarrieren bestanden, in einen anderen Beruf, in eine andere Firma oder an einen anderen Ort überzuwechseln. So ist das Potential derer, bei denen die Mobilität nicht funktioniert, ich spreche ungern pauschal von Drückebergern, sicherlich größer als die zehn Prozent.

  • Sie sprechen jetzt von der Zumutbarkeit eines neuen Jobs. Ist es denn so, daß die Zumutbarkeit von der Unternehmerseite anders interpretiert wird als vom Arbeitsamt?

Himmelreich: Das Bundessozialgericht hat kürzlich ein Urteil gefällt, nach dem es nicht zumutbar ist, einem Arbeiter auch einen Job zu vermitteln, bei dem auf seine Bildungsvoraussetzungen beziehungsweise seine Vorbildung weniger Rücksicht genommen wird, sondern das sollte nach Vorstellung des Bundessozialgerichts erst ausgelotet werden. Gerade die Untersuchung des Bundesarbeitsministeriums zeigt uns aber sehr deutlich, daß für die Tatsache, einen neuen Job zu finden, maßgeblicher als die schulische Vorbildung, die praktische Berufserfahrung ist. Und deshalb meinen wir, daß man unter diesem Gesichtspunkt doch noch einmal schauen muß, ob nicht heute der Begriff der Zumutbarkeit für die Arbeitsvermittlung zu eng ist.

  • Ganz unabhängig von der Zumutbarkeit, klafft da doch eine erhebliche Lücke. Einige Unternehmerverbände – auch der Ihre übrigens – haben, im vergangenen Jahr wesentlich höhere Prozentsätze von „Faulen“ und „Drückebergern“ beklagt, etwa ein Drittel hieß es. Haben Sie zu schwarz gemalt?

Himmelreich: Wir haben auf Tatbestände mangelnder Arbeitsbereitschaft aufmerksam gemacht, wie sie die Unternehmen tagtäglich erleben. Ich glaube deshalb nicht, daß wir zu schwarz gemalt haben, aber man muß wohl davon ausgehen, daß diejenigen, die nicht arbeiten wollen oder Vorwände suchen, eine Vermittlung abzulehnen, natürlich Entscheidungen treffen, deren letzte Motivation auch durch Befragung nicht zu ergründen ist. Deshalb wird man sich mit der Angabe von Prozentsätzen hier immer im spekulativen Bereich bewegen.

  • ...spekulativ auch wohl deshalb, weil die Unternehmen den Arbeitsämtern zu selten den wahren Grund für ihre Ablehnung nennen. Dieser Vorwurf kam häufig von der Arbeitsvermittlung.

Himmelreich: Es ist richtig, was Sie sagen. Wir haben unsere Firmen stets dazu aufgerufen, die wahren Ablehnungsgründe dem Arbeitsamt zu melden. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß Personalchefs häufig einfach auf die Vermittlungskarte für das Arbeitsamt „ungeeignet“ schreiben, weil sie fürchten, im anderen Falle nachträglich Auseinandersetzungen zu bekommen. Ich habe den Eindruck, das ist inzwischen besser geworden. üth