Von Ulrich Kaiser

Buenos Aires

Die eigentliche Weltmeisterschaft, so erhielt man vom Portier, vom Aufzugmann, von der Hosteß und natürlich vom Taxichauffeur mitgeteilt, fände an diesem argentinischen Vatertag in Rosario statt, Und das sei wirklich schade. Argentinien gegen Brasilien in Rosario – das ist gerade so, als würde man das Europacup-Finale zwischen Liverpool und Turin auf der Freizeitsportanlage in München-Freimann austragen. Rosario hat zwar eine Million Einwohner, es hat wunderbare Parks und Plätze, es ist die Hauptstadt der Provinz Santa Fé und verfügt über einen der wichtigsten Häfen am Parana-Fluß, aber Rosario hat ein Stadion für nur 40 000 Menschen – das ist für ein Spiel, zu dem am liebsten eine Viertelmillion Zuschauer kämen, ein Klacks. Daß es dann auch noch Null-zu-Null endete, war nur eine Bestätigung für alles. Die Leute in Buenos Aires winken ab: Was kann aus Rosario schon Wertvolles kommen? Es ist der Frust, der über die Fußball Weltmeisterschaft herabgefallen ist, bevor noch die letzten Entscheidungen gefallen sind.

Die Organisatoren dieses Festes, das über 26 Tage lang andauert, werden sich für die Zukunft irgend etwas ausdenken müssen, was die Spannung tatsächlich über diese Zeit erhält. Drei oder gar vier Ruhetage sorgen dafür, daß die Löcher mehr Raum einnehmen, als die eigentlichen Geschehnisse – wie ein gewaltiger Schweizer Käse, in dem Hohlräume letzten Endes wichtiger werden als die festen Ränder. Es wird langweilig, bevor es dem Ende zugeht: das schlimmste, was einem solchen Festival passieren kann.

Schon eine Woche zuvor war der Stoßseufzer der Erleichterung fast körperlich zu spüren, den man in Argentinien ausstieß: Es ist nichts passiert, was das Ansehen des Landes verletzen könnte – nichts, was vergleichbar wäre mit dem 5. September 1972 oder mit anderen Terrorakten. Die beschwörenden Worte, mit denen man unsereinen darauf hinweist, daß man doch das Positive sehen solle, wurden immer lauter. Die paar Knaller nachts, die Razzia, zu der man zufällig kam, als auf einmal Autos angehalten und die Passagiere mit vorgehaltener Pistole zum Aussteigen gezwungen, wurden – sei’s drum. Die erste Bürgerpflicht wurde nach außen hin erfüllt. Auf den ersten Seiten der Zeitungen am vergangenen Wochenbeginn standen als Schlagzeilen die Zwischenfälle von Frankfurt – da sieht man doch gleich, wo die wirklichen Unruheherde dieser Welt sind. Und überhaupt ist die „mundial“ organisatorisch ein Erfolg gewesen.

Natürlich ist absehbar, daß es die gleichen Enttäuschungen gibt wie immer bei derartigen Veranstaltungen. Es war von zigtausenden Touristen die Rede, die die Hotels überfüllen würden, die die Kasse füllen und einen Haufen Devisen ins Land bringen sollten. Es hat wiederum Fehlspekulationen gegeben, genauso wie zuletzt in Deutschland, in Mexiko oder wie wahrscheinlich demnächst in Moskau. Die Hotels standen zur Hälfte leer, der Ansturm auf die Restaurants war dementsprechend. Die Preise wurden riskant erhöht, ein Zimmer für zwanzig Dollar kostete das Vierfache.

Egal, ob das nun auf die geschäftstüchtigen Touristik-Manager oder auf die Hotelbesitzer zurückzuführen war: Der Ärger bleibt, es wird ihn bei jeder derartigen Gelegenheit aufs neue geben. Die deutschen Schlachtenbummler, die ein paar Tage in das Hotel in Buenos Aires einfielen, drohten lautstark mit Prozessen, wobei sie als Argument sogar das Wetter vorbrachten. Ein Tag Nebel und Regen brachte alle sorgsam ausgeklügelten Pläne durcheinander. Natürlich ist es nicht schön, die weite und teure Reise zu unternehmen, um dann „unsere Jungen“ in einer Hotelhalle vor dem Fernseher zu sehen. Wieder ist die Rede vom Frust. Es hat Argentinien nicht verändert – wer das erwartete, hat nicht logisch gedacht.