Es kann keine Rede davon sein, daß das Sondergutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung von den großen Akteuren der Wirtschaftspolitik herbeigesehnt worden sei. Im Gegenteil, Sprecher der Regierung und vor allem die den „fünf Weisen“ ohnehin nicht gerade wohlgesonnenen Gewerkschaften haben kein Hehl daraus gemacht, daß sie auf dieses Papier am liebsten verzichtet hätten. Die Gewerkschaften hatten auch durchaus Grund zu der Annahme, daß ihre Lohnpolitik von den Sachverständigen keine allzu guten Noten erhalten würde.

So ist es in der Tat. Doch der Rat streift das Thema nur. Zu ändern ist ohnehin nichts mehr, und die Sachverständigen wollen die Gewerkschaften wohl auch nicht unnötig reizen. Das Verhältnis zwischen der Interessenorganisation der Arbeitnehmer und den unabhängigen Gutachtern ist schon gespannt genug. Sie weisen daher nur noch einmal darauf hin, daß die Aufgabe weiterhin ungelöst ist, „jenes Lohnniveau herauszufinden, das einen höheren Beschäftigungsstand möglich macht“, und warnen erneut vor der Illusion, daß eine staatliche Vollbeschäftigungspolitik auf die Dauer den Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Arbeitslosigkeit überspielen könne. Doch dies wird von denen, die dies bis heute nicht wahrhaben wollen, ebenso überhört werden wie der wiederholte Hinweis auf die Möglichkeiten zur Entspannung des gefährlichen Verteilüngskampfes, „wie sie in einer Gewinn- und Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer liegen könnten“.

Schade, daß die Gewerkschaften sich so schwer tun, den Sachverständigenrat als Ratgeber und Diskussionspartner statt als Gegner zu betrachten. Daß die Gutachter eine andere Meinung vertreten, bedeutet gewiß nicht, daß ihnen das Schicksal der Arbeitnehmer nicht ebenso am Herzen liegt wie den Funktionären der Gewerkschaften.

Sachverständige, die bequem sind, wären das Papier nicht wert, auf dem ihre Gutachten gedruckt werden. Das sollen sich die Arbeitnehmervertreter ebenso wie Unternehmer und Regierung vor Augen halten, denen auch vieles nicht passen wird, was im jüngsten Sondergutachten zu lesen ist. Denn die „fünf Weisen“ dämpfen nicht nur manche hochgespannten Erwartungen hinsichtlich der möglichen Folgen einer Arbeitszeitverkürzung für die Beschäftigung. Sie warnen auch vor der Illusion, daß ein zehntes Konjunkturprogramm bewirken könne, was neun andere bisher nicht vermochten. Sie geben unumwunden zu, daß es „wohl keine wirtschaftspolitische Strategie gibt, die zuverlässig und rasch zu einem befriedigenden Beschäftigungsstand zurückführen kann“, und warnen davor, in fragwürdige „Ersatzlösungen“ auszuweichen.

Weit unbequemer, aber sicherlich erfolgversprechender als staatliche Geldspritzen zur Anregung der Nachfrage wäre eine Beseitigung all jener Hindernisse, die heute die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit einengen: staatliche Reglementierungen, unübersichtliche und investitionsfeindliche Steuergesetze, Unsicherheit über den zukünftigen Kurs der Wirtschafts- und Lohnpolitik. Statt einer künstlich angeheizten Nachfrage eine Politik, die, für ein attraktives Angebot sorgt, wäre auf die Dauer ein weit besserer Ansatz. Aber leider ist das auch der schwierigere Weg.

Michael Jungblut