Von Golo Mann

Unvermeidlich werden „Thesen“, welche dieVerhandlungen eines mehrtägigen Kongresses zusammenfassen, nicht in jedem Satz jedem gefallen, der an dem Kongreß teilnahm, so auch mir nicht. Stammten sie aber auch durchweg von mir selber, so wäre ich der letzte, gegen Kritik zu protestieren. Kritik soll sein. Fragt sich nur, welcher Art. Ernst Tugendhats Aufsatz, „Totalitäre Tendenz“, besteht mit seinen Interpretationen und Deduktionen ganz und gar aus Verdrehungen.

Hermann Lübbe spricht von „Vorgegebenheiten“. Er spricht nicht von den oder von allen Vorgegebenheiten, sondern von irgendwelchen; womit schon der ganze, alberne Vorwurf der Hegelei, einer Gleichsetzung des Wirklichen mit dem Vernünftigen, in Nichts zusammenfällt. Nur: Um Kritik Zu lernen, müssen Kinder oder Heranwachsende etwas. Festes unter den Füßen haben: Wertungen, die schon vor ihnen da waren, zum Beispiel eben der Wert „Gerechtigkeit“. Dafür brauchen die anfangs gänzlich Unreifen die Hilfe derer, die reifer sind als sie. Später brauchen sie sie nicht mehr. Daß sie, mündig geworden, so denken werden, gar in allen Stücken denken sollen, wie der Lehrer dachte, welcher seinerseits den Staat, die Gesellschaft, das Wirklich-Vernünftige repräsentierte, ist eine Unterschiebung von klassischen Dimensionen.

Mit bloßer Entlarvung aller überkommenen Werte ist es nicht getan. Letzteres weiß auch Tugendhat, indem er einräumt, die Herstellung einer tabula rasa sei ein absurdes, eben darum auch von niemandem verfolgtes Ziel, wer dagegen kämpfe, der kämpfe gegen ein Phantom. Was letzteres betrifft, so ist ihm zu raten, noch einmal die bekannten hessischen „Rahmenrichtlinien“ nachzulesen. Die wären ja doch so interessant nicht gewesen, hätten sie nicht zusammengefaßt, was zu ihrer Zeit längst im Schwange war und auch heute noch vielfach im Schwange ist. Glaubt Tugendhat denn, eine Geisteshaltung, die sich binnen Jahrzehnten aufbaute und zu welcher Abertausende von Lehrern belehrt würden, habe sich mit einem Schlag in ihr Gegenteil verwandelt? Die Ansicht des Kongresses, für den Lübbe spricht, war die, daß Rechte nicht bestehen können ohne ihnen korrespondierende Pflichten, während in den letzten zehn bis zwanzig Jahren ausschließlich von Rechten die Rede war, von Pflichten niemals.

Weder in These zwei noch irgendwosonst will Lübbe den Kindern das Glück austreiben. Eine; solche „menschenverachtende“ Gesinnung liegt ihm so weltenfern wie allen Kongreßteilnehmern. Vielmehr ist die Rede von der Ermunterung der Kinder, „Glücksansprüche zu stellen“. Soll heißen: Glück fällt nicht vom Himmel dadurch, daß man es beansprucht (und allenfalls durch Rauschgifte, gewinnt). Es will erworben sein. Auch dafür brauchen die Heranwachsenden Hilfe. Ob sie solche in der heutigen Schule erhalten oder erhalten können, ist eine andere Frage. Jedenfalls kenneich keinen Pädagogen, der in seiner Praxis so intensiv eben darauf bedacht ist wie Hartmut von Hentig. Das habe ich in der Diskussion gesagt: Er sei der, der bei weitem am meisten „Mut zur Erziehung“ bewiesen habe – und habe keinerlei Widerspruch gefunden. Nebenbei bemerkt ist in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nicht von einem Anspruch auf Glück die Rede, sondern von einem Recht auf „The pursuit of happiness“. jeder – und selbstverständlich hat Jefferson Erwachsene und nicht Neunjährige gemeint – soll sich,sein Glück frei und auf eigene Faust erwerben können.

Glück, schreibt Lübbe, stelle im Tun des Rechten sich ein. Es ist einer der Sätze, dieich. gern genauer nuanciert gesehen hätte. Natürlich bleibt die Frage, was denn das Rechte ist. Zu ihm gehört Liebe und Treue, Hilfsbereitschaft und Pflichterfüllung, ebenso wie Verwirklichung der eigenen Gaben, und Freude auch. Dergleichen; konnte in einer dürren „These“ kaum zum Ausdruck kommen. Daß das Rechte nichts anderes sei als systemkonformes Verhalten – was wäre denn heute überhaupt das „System“? –, folglich Herabsetzung des Menschen zum bloßen Mittel, zur Funktion, folglich Entmenschlichung, folglich endend im totalen Staat – dergleichen zu widerlegen ist, um mit Tugendhat zu reden, in der Tat eine „Zumutung“.

Gibt es denn gar nichts Rechtes, in das man sich denken kann und soll, ohne zum bloßen Instrument der Machthaber herabzusinken? Dann nimmt mich wunder, was der Lehrer für Ethik, Ernst Tugendhat, seinen Schülern wohl erzählt?

Gegen eine Erziehung zu Untertanen werde auch ich meine Stimme erheben, wenn sie auch nur in den ersten Anzeichen sichtbar wird. Nichts davon, habe ich auf dem Kongreß „Mut zur Erziehung“ sehen und hören können. Man soll nicht „Wolf“ rufen, ehe der Wolf erscheint. Die Sache ist aber, diese. Während reichlicher Zeit haben die Verfechter immerwährender Emanzipation in der Theorie, in der veröffentlichten Meinung nahezu ein Monopol besessen. Davon wurde ein überaus selbstsicherer, hochmütiger, oft grausamer Gebrauch gemacht. Wer an derer Überzeugung, anderen Charakters war, resignierte und schwieg, wenn er nicht verzweifelte. Neuerdings treffen die Monopol-Inhaber von gestern auf ihnen ungewohnte Gegenkritik. Was ist die Reaktion? Bereitschaft zum „Diskurs“, dessen Freunde sie doch bekanntlich sind? Ja schon, aber Diskurs nur mit jenen, mit denen sie sowieso übereinstimmen. Wer sich unterscheidet, wird als Autoritärer, als Faschist und Wegbereiter des totalen Staates raschestens denunziert. – Wir werden es uns nicht gefallen lassen.