Endlich haben einmal zwei Autoren – beide von Haus aus Historiker – mit der Mahnung des Bundespräsidenten Heinemann ernst gemacht und deutsche Geschichte nicht mehr aus der Sicht der Obrigkeit geschrieben, sondern als ein bewegend-mitreißendes Stück bäuerlich – bürgerlich – proletarischer Freiheitskämpfe (von Memmingen bis zur Paulskirche), bei denen es immer auch um die nationale Einheit ging

Wolfgang Venohr, Friedrich Kabermann: „Brennpunkte deutscher Geschichte 1450–1850“; Athenäum Verlag, Kronberg/Taunus 1978; 306 S., 28,– DM

und, auch das hätte dem Bürger-Präsidenten gefallen, nicht für eine winzige Schicht von Fachgelehrten bestimmt, sondern als eine Art Volks- und Hausbuch aufgezogen, das sogar die durch Illustrierten und Fernsehen verwöhnten (und des Lesens entwöhnten) Menschen noch anzulocken vermag. Der Verlag hat das großformatige Buch verschwenderisch ausgestattet; viele zeitgenössische Bilder, die man in Ruhe betrachten kann, weil sie nicht auf Briefmarkenformat zugeschnitten sind, durchsetzen den licht und großzügig gesetzten Text. Kräftig kolorierte, übersichtliche Karten deuten noch auf den Ursprung des Buches hin, eine lobend rezensierte stern-TV-Serie im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Was im Film nur kurz gestreift werden konnte, ist hier breit ausgeführt, doch wird sehr viel aus Geschichtsquellen zitiert; ganze Dokumente, Briefe, Lieder und Gedichte sind in die Erzählung verwoben. Wolfgang Venohr bedient sich eines etwas marktschreierischen Stils – der häufige Gebrauch des Ausrufezeichens und die Hervorhebung einzelner Sätze lassen eher an eine Propagandaschrift denn an kritisch-distanzierte Geschichtsschreibung denken. Aber dahinter steckt Absicht. Die Autoren bekennen sich zu einer parteilichen (nicht: parteipolitischen), zur leidenschaftlich engagierten Historie, denn nur sie vermöge den geschichtsentfremdeten Leser anzuregen, sich mit Ereignissen der Vergangenheit zu identifizieren (oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen). Indes – auch für sie besteht die deutsche Geschichte nicht bloß aus Revolutionen. Venohr, Preuße durch und durch, versteht es auf unnachahmliche Weise, sogar Friedrich den Großen mit ungetrübter Bewunderung in sein Schema einzufügen. Aber sein Herz schlägt nun einmal für Freiheitshelden wie Michael Gaismair und Andreas Hofer, für Freiheitssänger wie Hutten und Körner, Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben und für General von Gneisenau, den ersten deutschen Theoretiker der Guerilla. Ein kühner, eigenwilliger Versuch, den Bundesbürgern nationale Geschichte wieder nahezubringen.

kj.