Von Theo Sommer

Zynische Beobachter des internationalen Geschehens waren geneigt, Leonid Breschnjews Frühjahrsbesuch in Bonn als das Un-Ereignis des Jahres zu sehen: viel Aufwand für ein Ergebnis, dessen Dürftigkeit nur von dem Wortschwall der amtlichen Abschlußerklärungen verdeckt wurde. Inzwischen läßt sich solch schnöde Einschätzung nicht mehr aufrechterhalten. Mit einem gewissen Phasenverzug sind doch an zwei Fronten die Dinge wieder in Fluß geraten: bei den Wiener Verhandlungen über Truppenverminderung in Europa (MBFR) und im Verhältnis zwischen Bonn und Ostberlin.

An der mitteleuropäischen Abrüstungsfront, wo sich die Experten seit fünf Jahren nur millimeterweise von der Stelle bewegt haben, signalisierten die Sowjets wenige Wochen nach Breschnjews Visite am Rhein neue Flexibilität. "Beide Seiten betrachten es als wichtig, daß niemand militärische Überlegenheit anstrebt", hatte es in der gemeinsamen Deklaration von Bonn geheißen. "Sie gehen davon aus, daß annähernde Gleichheit und Parität zur Gewährleistung der Verteidigung ausreichen." Als Ziel für die MBFR-Verhandlungen nannten sie eine "stabilere Lage auf niedrigerem militärischem Niveau als heute". Jetzt haben die Sowjets auf der 172. Plenarsitzung der Wiener Konferenz ihr Einverständnis erklärt, für die Nato und den Warschauer Pakt kollektive und paritätische Streitkräftestärken festzulegen: je 900 000 Mann, darunter je 700 000 Mann Landstreitkräfte.

Der östliche Vorschlag bedeutet Entgegenkommen in mehrerlei Hinsicht. Jahrelang hatte der Warschauer Pakt auf gleichen Verminderungsquoten bestanden, so daß die zahlenmäßige Überlegenheit des Ostens zementiert worden wäre; jetzt findet er sich mit Reduktionen um 15 Prozent auf östlicher, elf Prozent auf westlicher Seite ab. Er stimmt zu, daß in einem ersten Schritt nur die beiden Supermächte Truppen abziehen. Und er akzeptiert nun das westliche Verhandlungsziel gleicher Endstärken. Hier liegen freilich auch gewichtige Stolpersteine, denn in der Datendiskussion über die heute hüben und drüben vorhandenen Truppen gehen die Angaben immer noch weit auseinander – umrund 150 000 Mann bei den Heeresstreitkräften. Da ist noch viel Definitionsarbeit zu leisten.

Ähnliches gilt für die deutsch-deutschen Beziehungen, die seit beträchtlicher Zeit stagnieren. Da hat Erich Honecker offenbar abgewartet, ob und wie Breschnjew seine Entspannungspolitik fortsetzt, ehe er sich gegenüber Bonn zu neuer Verhandlungsbereitschaft verstehen mochte. Aber er hat dann Helmut Schmidts Bundestagswort ziemlich rasch aufgegriffen: "Wir können unsere Bemühungen, die Teilung unseres Landes für die Deutschen erträglicher zu machen, indem wir unser Verhältnis zur DDR entwickeln, nicht gegen die Sowjetunion oder an ihr vorbei betreiben." Breschnjews Arbeit für die Entspannung, so sagte Honecker kurz nach einem Besuch Gromykos Ende Mai vor dem ZK-Plenum, sei von großer Bedeutung "unter gewissen Voraussetzungen auch für die Normalisierung der Beziehungen zwischen der DDR und der BRD". Es lasse sich vieles auf vernünftige Weise regeln, wenn das Klima dafür vorhanden sei: "Wir sind bereit, Steine aus dem Weg räumen zu helfen, die nicht von uns dorthin gelegt wurden."

Vorige Woche verdichteten sich diese Ankündigungen zur förmlichen Demarche. Honecker bat Staatssekretär Gaus zu sich; tags darauf meldete sich der DDR-Bevollmächtigte Kohl im Bundeskanzleramt. Jetzt sollen ernsthafte Verhandlungen über eine Nordautobahn Hamburg-Berlin beginnen (Kostenpunkt für den Bund: 1,3 Milliarden). Außerdem bot Honecker an, die dreißig fehlenden Autobahnkilometer zwischen Eisenach und Hersfeld bauen zu lassen (auch hier Rechnung an Bonn: 290 Millionen). Im Streit um die Wiedereröffnung des Teltowkanals zeichnet sich, eine Kompromißmöglichkeit ab. Und für den Herbst ist nun ein Treffen des Bundeskanzlers mit dem SED-Generalsekretär ins Blickfeld gerückt: ein Anzeichen dafür, daß sich die Besonderheit der deutsch-deutschen Beziehungen nicht länger im Fehlen direkter Kontakte zwischen den Top-Figuren ausdrücken soll. Die beiden Seiten wollen abermals aufeinanderzugehen und jenseits aller grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten bedeutsame praktische Fragen regeln.

Es könnte dann endlich ein Stück vorangehen – am Wiener Konferenztisch wie zwischen den beiden deutschen Staaten. Zu begrüßen wäre dies. Die Abrüstung in Europa und die Verbesserung der Lage in Deutschland dürfen nicht an die Unberechenbarkeiten einer plötzlich hereinbrechenden Nachfolgekrise in Moskau gekettet oder an die Unwägbarkeiten der gegenwärtigen Machtstrukturen in Washington geknüpft werden. Nur der eigene Schwung der Dinge, gespeist aus soliden Interessen, kann wichtige Entspannungsschritte durch unsichere, undurchsichtige Zeitläufe hinwegretten.