Von Gerhard Rohde

Als wir jüngst in Regensburg waren, sind wir übern Strudel gefahren...“ – noch wird dies alte Volkslied für ein paar Markstücke wahr. Die Fahrt mit den Donauschiffen zu dem berühmten Wasserwirbel unterhalb der ältesten Brücke Deutschlands, einem Steinbau aus dem zwölften Jahrhundert, dauert eine knappe Stunde. Bald wird sie um diese Attraktion ärmer und vielleicht kürzer sein: Wenn der Rhein-Main-Donau-Kanal erst die Donau erreicht, hat. Dann werden sich ihre Fluten nicht mehr mit der erforderlichen Wucht an den Pfeilern und Pfahlvorlagen stauen, um hinter der Brücke ins „Strudeln“ zu geraten; dann wird das Kanalbett die Kraft des Stromes ableiten – und das alte Lied wird nur noch Erinnerungen beschwören.

Doch wir waren nicht nach Regensburg gekommen, um solche touristischen Angebote wahrzunehmen. Programmiertes Sightseeing war nicht unser Anliegen. Wir kamen einfach so, mit dem Auto (in zweieinhalb Stunden von Frankfurt aus), mitten in der Woche, wenn die Stadt arbeitet, ihren täglichen Geschäften nachgeht. Es bringt einen eigenen Spaß, in den alten Straßen zu schlendern, wenn andere hasten, mehr mit den Augen als mit den Füßen zu wandern, durch die engen Gassen, in denen sich Durchblicke auf Türme und Kirchen ergeben oder plötzliche Öffnungen durch Plätze.

Die Stadt, so will es beim Rundgang scheinen, hat Glück mit ihrer Sanierung. Hier und da zeugt eine kombinierte Scheußlichkeit aus Alt und Neu von geschmacklich unsicherer Vergangenheit. Doch das Ensemble der Keplerstraße, der einst bedeutendsten Handelsstraße nahe der Donau, wo die Fassaden der Patrizierhäuser von einstiger wirtschaftlicher Macht und bürgerlichem Selbstbewußtsein künden, erstrahlt in erneuertem mittelalterlichen Glanz. Das Runtinger Haus, ein Patrizierbau aus dem 13. Jahrhundert mit Staffelgiebel, Zinnenmauern und feingegliederten Fenstergruppen, hat nach jahrelanger Ratlosigkeit – die erste Sanierung bedrohte bereits wieder der Verfall – endlich seine Zweckbestimmung gefunden. Denkmalsamt und Stadtarchiv bezogen die weiten Räume, deren Prunkstück der hervorragend restaurierte Festsaal ist. Auf der anderen Straßenseite ist das Wohnhaus Johannes Keplers wiedererstanden. Vor einiger Zeit noch war das Betreten des Hauses Nr. 2 (Kepler wohnte hier von 1626 bis 1628) wegen Einsturzgefahr verboten. Nun leben wieder Menschen darin – Denkmalspflege nicht nur als museale Objektsicherung, sondern zugleich als Wiederherstellung alter Funktionen.

Jetzt ist die Zeit der Biergärten – falls es freilich nicht regnet. Regensburgs schönster liegt mitten in der Donau auf einer Insel. Über den Fluß hinweg blickt man vom Oberen Wöhrd auf die einmalige, unverwechselbare Stadtansicht, den Dom mit dem Brücktor und die über das Häusermeer sich erhebenden Geschlechtertürme, den Baumburger und den zehngeschossigen Goldenen Turm.

An hellen, himmelblauen Tagen liegt eine Ahnung des Südens, von Florenz, über der Stadt. Nur in Regensburg existieren nördlich der Alpen solche Wohntürme, die hier jedoch weniger dem Schutz bei blutigen Familienfehden dienten als der Repräsentation. Heute wohnen zum Teil Studenten in den Türmen.

In Regensburg, so will es die Geschichtsschreibung wissen, legte der Koch Herzog Heinrichs des Guten von Braunschweig-Wolfenbüttel auf dem Reichstag von 1489 den Gästen eine schriftlich festgehaltene Speisenfolge vor. Es soll sich um die erste Speisekarte in Deutschland gehandelt haben.