Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juni

Nicht aus heiterem, aus lange umwölktem Himmel kam der Blitzschlag. Und doch so plötzlich, daß im Augenblick niemand damit gerechnet hatte, am wenigsten der Mann, der am 15. Juni in Stundenfrist von seinem vergoldeten Sessel gefegt wurde: Italiens Staatsoberhaupt Giovanni Leone. Seit die Soldaten Napoleons 1809 mit Handkuß und Gewalt den Papst aus diesen historischen Gemächern entführten, ist aus dem römischen Quirinalspalast niemand so schnell und rüde verbannt worden – nicht einmal Italiens letzter König Umberto. "Läßt sich den Thron nicht rauben, eher den Glauben", hatten die Römer über Pius VII. gespottet und damit auch das Vertrauen zum Träger des Amtes gemeint. Leone hatte beides verloren, als er – zuerst vom kommunistischen Parteivorstand, kurz darauf von seinen christdemokratischen Parteifreunden Zaccagnini und Andreotti zum sofortigen Rücktritt aufgefordert – eilig die Koffer packte.

Freilich, Minuten bevor er seinen Namen unter die Rücktrittserklärung setzte, benutzte Leone noch sein Recht, jederzeit Fernseherklärungen abgeben zu dürfen. So erfuhr die Nation, daß dem ersten Mann im Staate sein Amt stets "Quelle von wenigen Befriedigungen" gewesen war, ja sie erlebte das peinliche Schauspiel, wie er sich selbst einen mitfühlenden Nachruf widmete: "Ihr habt als italienische Bürger das Recht, von mir versichert zu sein, daß ihr in diesen sechseinhalb Jahren als Präsidenten der Republik einen ehrlichen Menschen hattet, der annimmt, dem Lande mit verfassungsmäßiger Korrektheit und moralischer Würde gedient zu haben."

Eben dies war in letzter Zeit von vielen, ja einer Mehrheit der Italiener immer mehr bezweifelt worden. Lag das nur daran, daß empfindliche Gemüter auch Stilfragen moralisch betrachten? War Leone im Grunde nur das, was der Volksmund einen "Buffone" nennt? Zu Späßen, auch protokollwidrigen, aufgelegt, hatte er im Weißen Haus die (zwanzig Zentimeter größere) amerikanische Präsidentengattin zum Walzertanz aufgefordert, im saudiarabischen Königspalast nach Spaghetti verlangt und zum Staatsbesuch bei Pompidou Sèvres-Porzellan nach Paris transportieren lassen. Zweimal – 1973 in Neapel und 1975 in Pisa – hatte er pfeifenden Demonstranten mit gespreizten Fingern "die Hörner gezeigt" – eine Geste ähnlich dem stirntippenden "Vogel-Zeigen" der Deutschen und doch schlimmer, weil sie südländischen Männerstolz in der Intimsphäre verletzt.

Mag manches, was man von Leone erzählte, die Grenzen des Anekdotischen überschritten und des Skandalösen gestreift haben, niemand hatte je bezweifeln können, daß der temperamentvolle Neapolitaner durchaus seriöse Voraussetzungen für sein Amt mitbrachte, als er am 24, Dezember 1971 als Nachfolger des Sozialdemokraten Saragat zum Präsidenten gewählt wurde. Der damals 64jährige Christdemokrat war nach 23 qualvollen Wahlgängen sogar eine Art Weihnachtsüberraschung gewesen: Er, der in seiner Partei keiner der zerstrittenen Fraktionen angehörte, galt als gebildeter, toleranter, nicht sehr ehrgeiziger Politiker. Man hätte ihn sogar farblos nennen können, wäre ihm nicht der Ruf eines gewitzten Advokaten vorausgegangen, der in kniffligen Situationen Rat weiß und zu vermitteln versteht. Zweimal, 1963 und 1968, hatte er sich so für je fünf Monate zum Verlegenheits- und Übergangsregierungschef qualifiziert, und mehrmals, zuletzt beim umstrittenen Scheidungsgesetz, war er als ehrlicher Makler zwischen den zerklüfteten ideologischen Lagern aufgetreten und geachtet worden.

Familiensinn, im weitesten Sinne des italienischen Südens verstanden, scheint dem Präsidenten viel eher zum Verhängnis geworden zu sein. Der erfolgreiche Jurist und Verteidiger (auch von zweifelhaften Herren) war mit 27 Jahren schon ordentlicher Professor. Zehn Jahre später heiratete er eine 17jährige Schülerin. Sein (in mehreren Sprachen übersetztes) Buch über das Strafprozeßrecht widmete er "Vittoria, der Quelle unerschöpflicher Süße, und unseren Söhnen Mauro, Paolo und Gian Carlo", zwei weitere wissenschaftliche Werke seinem verstorbenen Sohn Giulio, "mit Tränen, die von den Lidern ins Herz fallen", und der Madonna von Pompeji "als Anerkennung für die wunderbare Heilung meines Sohnes Mauro" (der von Kinderlähmung genesen war).