Dafür, daß es sich um die „Auktion des Jahrhunderts“ handelte – handeln mußte –, war sie sehr geschickt plaziert. Von den zwölf Monaten, die dabei zur Auswahl standen, ausgerechnet den Juni 1978 gewählt zu haben, stellt den Versteigerern bei Sotheby’s eine derart gute Note für Timing aus, daß der Millionengewinn des Hauses als Verdienst bezeichnet werden muß. Selbst seriöse Herren der Kunstbranche konnten sich vom zweiten Tage der Auktion an gegenüber deutschen Sitznachbarn in einem der Räume in der Bond Street die Bemerkung nicht versagen, da richte sich ja in London eine Nation wieder auf, die in Cordoba so Bitteres erfahren habe. Weniger sportlich kommentierte eine britische Boulevardzeitung, das Heimholen der besten Stücke der Hirsch-Sammlung sei ja wohl vor allem Ausdruck des immer noch vorhandenen Schuldkomplexes gegenüber einem jüdischen Emigranten. Dessen Großnichte Silvia Tennenbaum saß im Hauptsaal und überschlug in Kenntnis des Testaments, wieviel jeder Zuschlag von Peter Wilsons Silberhammer für jeden Erben bedeutete. Auch sie verdient einen Preis für Terminkoordinierung: ihr Roman „Rachel, the Rabbi’s Wife“ kommt gerade in diesen Tagen heraus. Ihr zweiter soll Großonkel Robert gelten.

Die Deutschen also im Rampenlicht, altdeutsche Meister, deutsche Ex-Meister und einige, die ihr Handwerk noch gut verstehen. Kaiser Beckenbauers Fußballkunst für die Weltmeisterschaft zu sichern, hätte den DFB, wie man weiß, rund 2 Millionen Mark gekostet. Die Chance wurde vertan. Kaiser Barbarossas Armgeschmeide dagegen konnte für die Nation gewonnen werden, um das doppelte freilich nur, dafür mit einem Weltrekord. Der Unterschied zwischen Helmut Schön und Hermann Abs mag auch noch in vielem anderen liegen, doch verspielte jener „unseren“ Goldpokal, während dieser „unsere“ Schätze neu erwarb.

Abs saß bei Sotheby’s so bewegungslos wie Schön am Rasenrand. Seine Spieler – für ungenannte Honorare in Deutschland, England und der Schweiz angeworbene Händler – waren genau instruiert und erhielten nur karge Zeichen, wenn es zu harten Zweikämpfen kam oder eine Abseitsfalle drohte. Abs wechselte an den mehreren Tagen dieser „Geldmeisterschaft“ die Helfer aus. Marianne Feilchenfeldt und Sohn erwarben alte Meister, Richard Kingzell (Agnew’s, London) trat im Ringen um die mittelalterliche Kunst für die deutschen Farben auf. Nach zwei Tagen war klar, daß hier Schwarz-Rot-Gold auf eine Medaille aus war. Die deutschen Millionen waren taktisch auf mehrere Bieter verteilt, wohl um das Ausmaß des Interesses und der Subventionen zunächst zu verschleiern.

An der Aufregung der Händler, der Faszination der bloßen Zuschauer, der unverhohlenen Genugtuung des veranstaltenden Hauses war nichts übertrieben. Hier ging es nicht, wie im um das Losscherbein eines durch Generationen bunt zusammengewürfelten Besitztums vom Kronleuchter bis zum Nachttopf. Die 877 „Lots“ der Hirsch-Sammlung trugen den Stempel dessen, der sie vereinigt hatte. Es waren auch nicht, wie in Mentmore, die besten Stücke vorher aussortiert worden. Hinzu kam, daß etwa bei der Auktion der mittelalterlichen Kunstgegenstände von den hundert Bietfähigen unter den zwei- bis dreihundert Bietfreudigen maximal, zehn in der Lage sein konnten, den Markt richtig einzuschätzen. Wo es kein Angebot gibt, existieren keine Wertvorstellungen. Rainer Zeitz, der für die Berliner um ein herrliches Emaille-Medaillon (12. Jahrhundert, den Engel der Mildtätigkeit abbildend) kämpfte, reagierte die Spannung um die 4,29 Millionen Mark in ein zerknülltes Taschentuch ab. Der Adlatus eines Mitbieters aus Chicago eilte beständig zwischen dem Hauptauktionssaal und einem der vier Nebenräume hin und her. Dort wünschte ein Herr mit den distinguierten Zügen dessen, der sich Diskretion kaufen kann, nicht ins Schußfeld der Kameras zu geraten. Um auf den Monitoren die Miniaturen, um die es im Hauptsaal ging, besser sehen zu können, zückte er mehrmals ein kapriziöses, vergoldetes und aufklappbares Sehwerkzeug, das seinerseits eines fernen Tages bei Sotheby’s unter den Hammer kommen wird. Nicht weit von ihm saß eine Dame mit einer deplazierten Sonnenbrille, deren Gläser eher größer waren als das Medaillon, das Herr Zeitz gerade um schlanke 4,8 Millionen Mark erwarb. Fast alle Herren kamen am ersten Abend im Smoking. Zwei Telephonleitungen nach New York waren ständig offen, aus dem nahen Westbury-Hotel konnte das strikte Inkognito mitbieten. Doch solcher Service war kaum vonnöten. Sotheby’s räumen ein, daß sie sich nicht nur in der Höhe des Gesamterlöses glücklich verschätzt haben, sondern daß vorher auch nicht abzusehen gewesen sei, wer komme und bei wem die meisten Millionen locker sitzen würden.

Von der konzertierten Aktion deutscher Museen war einiges bekannt gewesen, ursprünglich aber galten Kalifornier und Scheichs als Favoriten. Doch die Herren der Getty-Stiftung, die hier tabula rasa hätten machen können, blieben aus, und es herrschte in den Sälen ein auffälliger Mangel an Burnussen oder Leuten, die als Strohmänner des Öls direkt kenntlich, weil von früher bekannt gewesen wären.

Zur allgemeinen Hektik trug bei, daß es hier nicht um Schätze aus britischem Besitz ging. In solchen Fällen sind Exportgenehmigungen nötig, damit die Nation sich ihr Kulturgut durch Aufbringen eines Äquivalents der Zuschlagsumme verhalten; ‚kann. Wenn das erfolgreich geschieht, spricht man in England von Patriotismus. Was die Abs-Crew jetzt exerzierte, nannte der „Guardian“ Nationalismus, und die gelegentlich eher faschistoide „Daily Mail“ glaubte mit Aufmachung auf Seite eins enthüllen zu können: „Blitzkrieg der Deutschen gegen die Kunstwelt – Bundestags-,Agenten’ in 10-Millionen-Pfund-Coup bei Sotheby’s.“ Hugh Leggart, Sekretär der britischen Kampagne zur „Erhaltung des nationalen Erbes“ pries die Aktion der Deutschen. Das sei ein Beispiel, „wir sollten ihm folgen“.

Um so mehr verblüffte ein bis dato unbekannter Landsmann namens John Morgan die Briten. Er ersteigerte um 2,4 Millionen Mark einen Kandelabersockel, vergoldete Bronze, englisches 12. Jahrhundert, nach heftigem Zweikampf mit dem britischen Museum. John Morgan sorgt für die guten Anlagen der Gelder der Pensionskasse der Eisenbahner des Landes. Schon im Rennen um die alten Meister hatte er seine Karte mehrfach entschlossen, aber dann immer entmutigter nach oben gehalten. Nun kann mancher Lokführer der Zukunft ruhiger entgegenfahren. Wenn selbst in der gebremsten Wirtschaft unserer Tage für schöne, relationslos überschätzte Relikte solche Summen gezahlt werden, wo sollen die Preise erst in der nächsten Beschleunigungsphase zum Stillstand kommen.