Ein Buch, dieses Mal, das schon seit dem Herbst auf den Markt ist – empfohlen unter dem Stichwort: Was würdest du mitnehmen in den Urlaub, bei leichtem Gepäck, um es ein zweites oder drittes Mal zu lesen und so der schriftstellerischen

Technik eines Mannes auf die Spur zu kommen, dem es – bisher als einzigem – gelungen ist, Filmpraktiken wie Schnitt, Montage und Einstellungswechsel, bruchlos in den Raum der Literatur zu übertragen.

Kluges Geschichten sind Plädoyers-Gerichtsreden aus dreierlei Perspektive: Der Staatsanwalt K. bevorzugt die Halbtotale (ein Ereignis aus gebührender Distanz betrachtet – nicht zu nah, nicht zu fern); der Verteidiger K. wählt, um den Fall aus der Sicht des Beschuldigten zu analysieren (was er dachte, fühlte und hoffte), am liebsten die Großaufnahme; der Richter schließlich bedient sich des Wechselbezugs von Naheinstellung und Totale: Zuerst in die Rolle des Angeklagten geschlüpft, ihm Herz und Schädel geöffnet, und dann vom Himmel der Gerechtigkeit herab, in langsamer Annäherung an die Realität, das Urteil gesprochen.

Kluge, der Filmemacher, Jurist und Erzähler: Was solche Dreieinigkeit für die literarische Praxis bedeutet, zeigt exemplarisch – ein grandioses Traktat – der Bericht über den Untergang von Halberstadt am 8. April 1945. Wenn irgendwo in der Nachkriegsliteratur, dann wird hier die Totalität eines Vorgangs erhellt: Gedanken zweier Turmbeobachterinnen (Großaufnahme); Beschreibung einer Hochzeitsgesellschaft, die, ohne es zu ahnen, ihr Henkersmahl ißt (Halbtotale); Verfolgung der Flugzeuge unter dem Himmel (Totale). Konfrontation der Taktik von unten (Feuerpatsche, Behelfskeller), mit der Strategie von oben (Radarschirm, Kalkül der Vernichtung). Ein Hin und Her zwischen individuellem Plan (Was geschieht, wenn infolge des Bombenangriffs die Klavierstunde ausfällt?) und der Organisation des Gesamten (Eine Stadt ist zu vernichten). Und schließlich die dialektische Volte: Die vom Himmel Herabgestiegenen begeben sich nach der Kapitulation zu den Überlebenden auf der Erde – und siehe, es wird die gleiche Sprache gesprochen.

Beschreibung des Ganzen mit Hilfe von Annäherung ans Private und planetarischer Entfernung – Alexander Kluge, denke ich, ist die Durchführung eines ebenso riskanten wie lohnenden Unternehmens gelungen. Er hat, Staatsanwalt und Richter, Zeuge und Verteidiger, Sachverständiger und Protokollant in Personalunion (also einer, der sich wie seine Figuren aus Justiz, Militär, Wissenschaft und Verwaltung aufs Einkreisen und Erfassen versteht)... er hat eine Welt beschrieben, die sich im allgemeinen nur in ihrem so oder so, aber so gut wie nie in ihrem so und so präsentiert.

Was das heißt, so und so, läßt sich im Halberstadt-Essay nachlesen: Eins ist eine Straße für Hausbewohner, Familienväter, Friedhofswärter oder Kinobesitzer; ein anderes ist die gleiche Straße für Bomberpiloten und ein drittes schließlich für die Planer im Hintergrund des Geschehens – für jene Artisten der Organisation (Kluges Vorzugs-Figuren sind Menschen, die Strategie à la Clausewitz als Kunstwerk betrachten), virtuose Kalkulatoren, die zu gleicher Zeit, hier schließt sich der Ring, wieder Hausbewohner und Familienväter sind.

Themen, die bisher zur Domäne der Philosophie gehörten (die Diskrepanz von Sein und Bewußtsein zum Beispiel) wurden von Kluge in die Literatur eingeholt und dort auf den Begriff gebracht, den Begriff der Anschauung – und das verdient Respekt.

(es 819, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 618 S., 16,– DM) Walter Jens