Von Claus Voland

Um kranke Kühe krachten sich unlängst in Berlin gestandene Sozialdemokraten und Jungsozialisten. Das kam so: Die Veterinärmediziner der Freien Universität (FU) klagten, sie fänden in Westberlin nicht mehr genügend angekränkelte Rindviecher für ihre Untersuchungen. Die Jusos forderten daraufhin in einem Flugblatt die Einfuhr des Hornviehs aus Ostberlin. An der dortigen Humboldt-Universität gäbe es mehr als genug „Untersuchungstiere“. Der Vorstoß der Juros brachte Sozialdemokraten in Amt und Würden in Harnisch, weil die Jungsozialisten an dem Tabu gerührt hatten, daß es zwischen den verfeindeten Universitäten in Ost und West der Stadt keine Zusammenarbeit geben dürfe. Der groteske parteiinterne Streit übers Rindvieh wäre nicht erwähnenswert, wenn er nicht ein Schlaglicht auf Anlässe und Formen Berliner Auseinandersetzungen, vor allem im Bereich der Hochschulen, werfen würde.

In Berlin war schon immer alles ein bißchen anders als in Westdeutschland, sowohl im positiven als auch im negativen. Das trifft besonders für die Hochschulen zu, die im öffentlichen Leben der Teilstadt eine viel bedeutendere Rolle spielen als in den Großstädten der Bundesrepublik. Viele Probleme der Berliner Universität sind dieselben wie in Hamburg, Frankfurt oder München, aber es kommen eben noch einige Berliner Besonderheiten hinzu. Beides spiegelte sich in einem zweitägigen Kolloquium wieder, zu dem der Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz vor einigen Tagen Journalisten aus Westdeutschland geladen hatte.

Wie im Bundesgebiet macht den Berliner Hochschulen mit ihren 70 000 Studenten der Massenbetrieb zu schaffen. Glotz: „Das verlangt eine geänderte Organisation der Hochschulen und eine veränderte Einstellung der Hochschullehrer.“ Bei den heutigen Regelstudienzeiten sollen strenge Maßstäbe angelegt werden, wie und welchen Lehrstoff die Hochschullehrer anbieten müssen. Die Regelstudienzeit, so Glotz, dürfe nicht zum Schaden der Studenten werden. Deswegen will er die Fristen großzügig bemessen, vor allem viele Nachfristen einräumen. Eigentlich könnte Berlin hier bereits weiter sein als die Bundesländer. Im Hochschulgesetz der Stadt von 1974 waren Regelstudienzeiten schon vorgesehen. Bis heute geschah jedoch nichts.

Von Regelstudienzeiten hält der Präsident der Technischen Universität (TU) Rolf Berger nichts: „Das ist eine Chimäre, die nichts bringt außer Psychodruck.“ Berger will die Studienziele diskutieren und zum Teil neu bestimmen. „Die Studieninhalte müssen einen Bezug zur Praxis und zum sozialen Umfeld haben.“ Das bedeutet für Berger, daß sich eine technische Ausbildung auch mit sozialen Aspekten der Arbeitswelt befassen muß, zum Beispiel: was bedeuten Rationalisierung und Automatisierung für die Arbeitssituation des einzelnen. Das setzt eine Studienreform voraus, die auch Glotz für „überfällig“ hält. Nur will er „nicht die Hände in den Schoß legen“, bis die überregionalen Studienreform-Kommissionen Ergebnisse vorweisen können. Vielmehr gab er den Fachbereichen der Hochschulen den Auftrag, die 150 Studiengänge, die in Berlin angeboten werden, von Stoffballast zu befreien und sie zu straffen. Glotz drängt auf eine Neuorganisation der Studiengänge, weil „ein junger Mensch mit 25 Jahren einen berufsqualifizierten Abschluß haben muß“.

Ein anderes Problem, das Berlin zum Beispiel gemeinsam mit Hamburg und Nordrhein-Westfalen hat, ist die Zusammenfassung seiner Hochschulen zu einer Gesamthochschule. Dabei geht es in Berlin um die Integration der Pädagogischen Hochschule (PH) in die FU, die TU und die Hochschule für Bildende Künste. Glotz hat die Integration erst einmal bis 1980 verschoben. Vom Wort „Gesamthochschule“ hält er nicht viel: „Der Begriff ist zu Tode geritten.“ Viel lieber hätte er die PH zu einer pädagogischen Universität ausgebaut, als „alles ineinander zu schieben“.

Andere Hochschulprobleme der Teilstadt sind Berliner Sonderheiten, die nur dann einigermaßen verständlich werden, wenn man sie vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung der Stadt seit 1945 sieht. Ständig auf der Hut zu sein, sich gegen massive Drohungen und Nadelstiche vonseiten der DDR und der Sowjetunion wehren zu müssen, hat auch das Verhalten der Berliner bei andersgearteten Konfrontationen geprägt. Das drückt sich in Überempfindlichkeit und manchmal überzogenen Reaktionen aus. Politisch Andersdenkende hatten es in Westberlin immer schwer. Und spätestens seit Ende der sechziger Jahre denkt ein Teil der Studenten, der Assistenten und der Professoren anders, manchmal extrem anders als der größte Teil der Berliner. Das mußte in der besonderen Situation der Stadt zu harten Auseinandersetzungen führen, wobei sich Aktion und Reaktion kräftig hochschaukelten. Obwohl sich in den letzten Jahren die Atmosphäre in Westberlin entspannt und die Wandlung von der Frontstadt zur fast normalen Großstadt begonnen hat, ist die Beziehung vieler Berliner zu ihren Hochschulen immer noch verkrampft.