Von Helmut Schneider

Gebt mir einen Garten, einen großen Garten, und ich werde ihn unverzüglich mit Statuen bevölkern, die singen werden zwischen den Blumen“ – Aristide Maillols Wunsch ist nun einen Sommer lang in Baden-Baden Wirklichkeit geworden. In den Anlagen um die Staatliche Kunsthalle sind eine Reihe seiner großen Plastiken aufgestellt, auf der Wiese zwischen Bäumen. So hat sich Maillol, der einmal eine Arbeit damit charakterisierte, sie sei eine „Figur für einen schattigen Park“, den Garten vielleicht vorgestellt. Auf jeden Fall fügen sich die Plastiken besser in die Umgebung ein als in den Tuilerien in Paris.

Die Figuren im Park sind Teil einer Ausstellung, mit der Baden-Baden Maillol feiert, ohne besonderen Anlaß, aber vielleicht nicht ohne Grund. Hans Albert Peters wenigstens, der Organisator der Ausstellung, ist überzeugt, daß das Werk des Bildhauers „heute noch zu entdecken ist“. Maillol wird vorgestellt als einer der Gründerväter der modernen Plastik, der nicht nur die figürliche Skulptur Lehmbrucks und anderer beeinflußt hat, das ist unbestritten, sondern auch „die Kunst Brancusis und Arps, Wotrubas und Chillidas wie die kubistische und die ihr folgende Plastik“. Eine interessante Überlegung, die im einzelnen noch zu präzisieren wäre – schließlich macht es einen Unterschied, ob Maillol eine Figur aus der Vorstellung des Blocks entwickelt oder Brancusi aus der Form des Blocks. Genügend Stoff immerhin für einen gewichtigen Katalogbeitrag – den Hans Albert Peters leider nicht geschrieben hat.

„Vor dem Einfachen bleibt ein Vorübergehender niemals stehen“, so Rodin über Maillol: „Ihn hält nur an, was mit unlauteren Mitteln seine Neugier erregt. Gerade aber die Reinheit, die Klarheit, die Durchsichtigkeit des Handwerks wie des Gedankens sind das Bewunderswerte und das Ewige am Werk Maillols...“ Eine bedenkenswerte Äußerung, ein Hinweis darauf, was am Werk von Rodins großem Gegenspieler noch zu entdecken ist. Das Einfache als das immer wieder Neue, das Gleiche als das stets Andere. Maillol, der Bildhauer, kannte nur ein Thema, den Frauenkörper, sein plastisches Universum war weiblich – die Aktfigur ‚Der Radfahrer‘ (1907/08) ist die eine bedeutende Ausnahme, die etwa gleichzeitig entstandene Porträtbüste seines Freundes Renoir die andere. Eros, das Streben nach der Verkörperung der Idee des Schönen durch die Form, War die Antriebskraft seines Schaffens.

Die Idee wurde anschaulich in der Form, die Form verwirklichte sich durch das Material. Der einzig mögliche Vergleich zwischen zwei Fassungen der gleichen Figur, der „Stehenden Badenden“, einmal in Holz (1899), einmal in Bronze (1900), macht deutlich, daß Maillol auf die Eigenschaften des Materials. Rücksicht genommen hat, die unterschiedlichen Oberflächenwirkungen einkalkuliert hat. Mit der Wahl des Materials, Holz, Bronze, Blei, Stein oder Terrakotta, war auch die Form mitbestimmt – die Baden-Badener Ausstellung kann dies nicht verdeutlichen, es fehlen, mit der erwähnten Ausnahme, die Holzskulpturen, die Terrakotten, die Steinskulpturen. Es fehlen auch die Tapisserien und einige wichtige Gemälde, empfindliche Lücken in einer Retrospektive, die Maillols gesamtes Werk zeigen soll.

Maillol hat plastische Formen sinnlich erfahrbar gemacht, für ihn war ein Werk gut gelungen, wenn beim Berühren die Form die Hand gut ausfüllte: „Es gibt nichts Runderes, als was Maillol unter rund versteht“, hat Julius Meier-Gräfe zutreffend bemerkt. Seine Vorliebe für kraftvoll ausschwingende Körperteile, vom und hinten, eine Augenweide durchaus, ist nicht Selbstzweck, nicht allein lustvolle Bemächtigung von Fleischesmassen. „Was ich anstrebe, ist Architektur und Volumen. Skulptur ist Architektur, ist Gleichgewicht von Massen“, sagt er.

Maillol, ein Schüler des gefeierten Salonmalers Cabanel, dessen berühmt-berüchtigte „Venus“ ihn offensichtlich beeindruckt hat, befreundet mit Gauguin und den Nabis, war ursprünglich Maler, seine erste Skulptur hat er 1895, vierunddreißig Jahre alt, geschaffen. Sicher hat er die Bildhauerarbeiten Gauguins gekannt, ob die blockhaften Figuren von Georges Lacombe, einem kaum bekannten Mitglied der Nabis, Einfluß auf ihn hatten, müßte man untersuchen. An Rodin aber führte kein Weg vorbei. „Die gefesselte Aktion“ (1906) war Maillols Antwort auf den Rivalen, der ihn übrigens großzügig förderte. In der Tat bewegt sich der mächtige Frauenkörper nicht vorwärts, die beiden Säulen ihrer Beine bleiben im Boden verankert – das Motiv des Schreitens hatte er von Rodins „L’Homme qui marche“, die Dramatik, die Rodin in diesen Schritt legte, war ihm fremd. Maillol lebte in Harmonie mit sich selbst und mit der Natur. Er hat in Zukunft auf die heroische Haltung seiner Akte verzichtet.