Von Gabriele Venzky

Fünf Tage Zeit hat sich der Bundeskanzler für seine Reise nach Nigeria und Sambia genommen. Das ist nicht viel. Doch bedeutsamer ist, daß diese Kurzvisite überhaupt stattgefunden hat. Helmut Schmidt ist der erste Bonner Regierungschef, der Schwarzafrika einen Besuch abstattete – ein Beweis dafür, daß Afrika im politischen und wirtschaftlichen Kalkül Bonns ein immer größeres Gewicht zukommt.

Der Kanzler hätte seine vor einem halben Jahr geplante Reise zu keinem besseren Zeitpunkt antreten können. Die Ereignisse am Horn und in Zaire haben den Kontinent in den Vordergrund der großen Politik gerückt. Da war es wichtig, daß nach dem amerikanischen Präsidenten nun auch der Regierungschef des zweitstärksten Staates im westlichen Bündnis in Afrika Flagge zeigte und das Interesse der Bundesrepublik am schwarzen Kontinent formulierte.

Höchste Zeit war es sogar. Denn nicht von ungefähr heißt es in einer Beurteilung des Auswärtigen Amtes: "Das Verhältnis zu Gesamtafrika ist negativer als die Summe unserer bilateralen Beziehungen zu den OAU-Ländern." Mit anderen Worten: Solange es um Handel und Wandel geht, laufen die Dinge einigermaßen reibungslos. Kommt aber mit dem Thema Südafrika schwarz-weiße Ideologie ins Spiel oder mit der Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung die Ungemütlichkeit der Geldfragen, dann reagiert Schwarzafrika mit Bitterkeit auf die Bonner Politik. Auch Helmut Schmidt hat das zu spüren bekommen. In der nigerianischen Hauptstadt Lagos empfing ihn die regierungsoffizielle Daily Times mit den Worten: "Wir haben genug von der Doppelmoral, die in Bonns Afrika-Politik sichtbar wird."

Die westdeutsche Afrika-Konzeption orientiert sich an dem Motto: Erst das eigene Hemd, dann der Rock der anderen. Insofern gilt ihr Hauptaugenmerk drei Dingen.

Erstens: der Wahrung der wirtschaftlichen Interessen. Das heißt, es geht darum, vor allem die Rohstoffzufuhr sowohl aus dem schwarzzen wie aus dem weißen Afrika zu sichern.

Zweitens: der Stabilisierung des Kontinents, der zum Austragungsort eines neuen Kalten Krieges zwischen Ost und West zu werden droht. In Zaire hat die Bundesrepublik im Verein mit anderen Europäern demonstriert, daß sie nicht untätig zusehen will, wenn Großmachtrivalitäten auf afrikanischem Boden ausgetragen werden sollen.