Letzten Samstag in München vor der Feldherrnhalle: Erst demonstrierten, tausend Radler, dann protestierten 300 Exilkroaten. Die einen wollten nur bessere Radfahrwege, die anderen forderten "Freiheit für Kroatien", als wäre das nichts. Dem Herzen der Münchner stehen die Radler näher; doch auch die kroatischen Aktivisten haben sich hier, speziell in Kreisen des Klerus und der CSU, noch nicht über mangelnde Sympathie beklagen können. Sonst gäbe es nicht so viele Kroaten in Bayern, sonst gälten die bayerischen Verfassüngsschützer auch nicht als Fachleute für den kroatischen Untergrund in der Bundesrepublik. Auf, Verständnis und Sympathie hofften die Exilkroaten auch bei ihrem Protest gegen das Auslieferungsersuchen der jugoslawischen Regierung, die acht ihrer politischen Freunde anfordert, seit sich vier lang gesuchte deutsche Terroristen in ihrer Hand befinden, deren Herausgabe die Bundesregierung verlangt. Das Koppelgeschäft, in Bonn offiziell ebenso keusch geleugnet wie in Belgrad, wird von den Exilkroaten mit Wonne angeprangert — "Exilkroaten — Geiseln der heutigen Zeit", hieß es auf einem der Transparente, die im Demonstrationszug mitgeführt wurden "Die Kroaten sind keine Tauschwaren, die Kroaten sind Freiheitskämpfer", stand auf einem anderen. Durch die Megaphone schepperte die "kroatische Frage" in all ihrer. Vergeblichkeit: Unterstützen Sie uns im Kampf um unsere Menschenrechte. Es gibt keine jugoslawische Sprache es gibt keinen jugoslawischen Staat. Der jugoslawische Staat ist ein Monstrum " Wann genau die vier deutschen Terroristen Brigitte Mohnhaupt, Rolf Clemens Wagner, Peter Jürgen Boock und Sieglinde Hofmann von den Jugoslawen in Zagreb, der "Hauptstadt der kroatischen Bewegung", festgenommen wurden, ist den deutschen Behörden bis heute durch kein schriftliches Dokument belegt worden. Sicher ist nur, daß Bonn von der Festnahme am 11. Mai erfuhr und sofort ein Auslieferungsersuchen stellte. Als darauf nichts erfolgte, reiste am 19. Mai Staatssekretär Siegfried Fröhlich, vom Bundesinnenministerium nach Belgrad und nahm die Forderungen der Jugoslawen zur Kenntnis. Schon drei Tage später, am 22. Mai, setzte sich Bonns Feuerwehrspritze Hans Jürgen Wischnewski nach Belgrad in Bewegung, aber auch er ohne deutlichen Erfolg. Offensichtlich nützten in diesem Falle auch die seit über zwanzig Jahren gepflegten guten Beziehungen zwischen der kommunistischen Partei Jugoslawiens und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nicht mehr viel — eine Schiene, auf der immer dann reger Verkehr herrscht, wenn es in den staatlichen Beziehungen hapert", wie es ein jugoslawischer Gesprächspartner ausdrückte.

Diesmal blieben die Jugoslawen hart. Sie wollten einige von jenen "faschistischen" jugoslawischen Emigranten haben, für deren unermüdlichen Kampf gegen das Tito Regime die Bundesrepublik seit ihrem Bestehen die Plattform abgibt. Als nagelneuer Beweis dient in den Diskussionen zwischen Bundesdeutschen und Jugoslawen unter anderem ein schwedischer Fernsehfilm über die Kroaten und ihre "nationale Bewegung", der in Schweden am 1. Februar dieses Jahres gesendet und von Jugoslawien ingekauft wurde. Eine Sequenz dieses Films zeigt ein Ausbildungslager kroatischer Guerrilleros in der Bundesrepublik. Wo genau sich dieses Lager befindet, möchte Regisseur Bengt Göranson, der die Beteiligten zwei Jahre la ;ng überreden mußte, sich filmen zu lassen, nicht sagen.

Erst am 29. Mai wurde die Festnahme der vier deutschen Terroristen durch eine gewollte Indiskretion in der Bundesrepublik bekannt: Bonn meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß Belgrad die vier ebenso laufen lassen würde wie seinerzeit den international gesuchten Terroristen Carlos, und wollte vorbeugen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits vier der acht Kroaten auf der jugoslawischen Wunschliste in Auslieferungshaft.

Als erster wurde am 25. Mai Josip Stjepan Biiandäic festgenommen, wohl der wichtigste Mann auf der Belgrader Liste. In der Münchner Demonstration wurde sein Porträt, gekrönt von einer Dornenkrone, wie eine Reliquie umhergetragen. Tatsächlich ist er einer der Führer, der in der Bundesrepublik seit einigen Jahren wegen Gewalttätigkeit verbotenen Organisation "Kroatischer Nationaler Widerstand". Sie wurde in der Nachkriegszeit in Spanien von dem ehemaligen kroatischen General Max Luburic" gegründet, einem Mann, der in der kurzen Zeit des von Hitlers Gnaden bestehenden kroatischen Nationalstaates von 1941 bis 1945 die Konzentrationslager beaufsichtigte, also eine Art kroatischer Himmler war. Am 23. April 1963 wurde er in seiner Wohnung ermordet aufgefunden.

Bilandzic gehörte 1962 zu den 26 Kroaten, die ein Sprengstoffattentat auf die jugoslawische Handelsmission in Mehlem verübten (Der Hausmeister fand dabei den Tod ) Als den Tätern der Prozeß gemacht wurde, forderten sie Freiheit, Menschenwürde und Gleichberechtigung für ihr Volk und klagten die jugoslawischen Kommunisten der Massenmorde nach dem Kriege an: "280 000 kroatische Soldaten, 500 000 Personen der Zivilbevölkerung, 250000 Volksdeutsche, 70 000 gefangene deutsche Soldaten So wurde die deutsche Öffentlichkeit zum erstenmal auf die "kroatische Frage" aufmerksam gemacht. Die Morde, die ihre eigenen Leute im Kriege begangen hatten, erwähnten die angeklagten Kroaten damals nicht. Als Rädelsführer der Gruppe galt ein katholischer kroatischer Priester. Bilandzic kam mit viereinhalb Jahren davon, schon nach drei Jahren wurde er entlassen. Eine andere Organisation im kroatischen Untergrund ist die "Kroatische Revolutionäre Brüderschaft", ein Geheimbund mit Sitz in Australien, von dem schon mehrere Male kleinere Terroristengruppen über die Bundesrepublik und Österreich nach Jugoslawien eingeschleust wurden. Zu diesem Kreis gehört anscheinend der ebenfalls auf der jugoslawischen Auslieferungsliste stehende Iwan Ljubpmir Dragoja, der 1974 mit einem australischen Paß in die Bundesrepublik einreiste. Bei dem Versuch, selbstgebastelte Bomben in Bücher zu praktizieren, die an jugoslawische Beamte im kroatischen Landesteil verschickt werden sollten, kam es zu einer Explosion, bei der Dragoja einen Arm einbüßte. Auch er wurde von der deutschen Polizei in Auslieferungshaft genommen.

Sobald Fragen, nach dem kriminellen Kaliber der acht gestellt werden, legen, die deutschen Behörden eine so seltsame Geheimniskrämerei an den Tag, daß schon das Gerücht, aufgetaucht ist, womöglich seien einige von ihnen Vertrauensleute des deutschen Verfassungsschutzes, der sich mit ihrer Hilfe Einblick in den kroatischen Untergrund verschafft.

Mindestens zwei oder drei der acht sind aber in der Bundesrepublik keineswegs kriminell, sondern nur politisch aufgefallen. Das trifft für den 46jährigen Kroaten Tomo Franjo Mikulic zu, einen einstigen Tito Partisanen, der während des von Tito abgewürgten "kroatischen Frühlings" Anfang der siebziger Jahre (siehe Beitrag unten) noch kroatischer KP Funktionär war und erst 1974 in die Bundesrepublik kam Ähnliches gilt auch für den 29jährigen Damir Petrid, der während des "kroatischen Frühlings" Vizepräsident des kroatischen Studentenbundes war und von dem seine Freunde versichern, daß er "ausschließlich verbal gegen das jugoslawische Regime gearbeitet hat, niemals jedoch mit Gewalt". Sowohl Mikulic wie Petrie halten sich versteckt. Sicher ist auch, daß mindestens fünf der acht angeforderten Jugoslawen, bei deren Bezeichnung als "Exilkroaten" die Angehörgen der Jugoslawischen Botschaft jedesmal Zustände bekommen, Straftaten vorgeworfen werden, welche die Frage provozieren: Was unterscheidet die kroatischen Extremisten eigentlich von den deutschen Terroristen? Ihr sogenannter Freiheitskampf? Ihre kriminelle Energie?