Man kann das Bild, das Giuseppe Arcimboldo von seinem Dienstherrn, dem habsburgischen Kaiser Rudolf II., anfertigte, auf zweierlei Weise sehen. Wenn man es aus der Nähe betrachtet, das Auge, von Detail zu Detail wandern läßt, dann sieht man Ähren, Trauben, Pfirsiche, Erbsenschoten, Zwiebeln, Blüten. Wenn man es aus der Distanz sieht, dann ordnen sich diese Attribute des Vertumnus, des altrömischen Gottes der Vegetation, zu einem Porträt. Und dieses Porträt, das uns zunächst als eine etwas riskante Metamorphose der kaiserlichen Physiognomie vorkommt, hart an der Grenze der Karikatur oder Maske, das der Künstler aber als eine Huldigung konzipiert und der Dargestellte als eine solche empfunden hat (sonst hätte er es wohl vernichten lassen), beschreibt den Kaiser und zugleich den Porträtisten, der auch Kustos des kaiserlichen Kuriositätenkabinetts war und "maître des fêtes".

Rudolf II. (1552–1612), von Arcimboldo in einem antropomorphen Stilleben als die Inkarnation des blühenden Lebens dargestellt, war ein Mann jener Zeit, die Gustav René Hocke als ein "Konzentrat schöpferischer Manifestationen" und deren Stil er als eine Kombination von "Kalkül und Wahn" beschrieben hat. So war Rudolf, der Intellektuelle und Mann von Welt, der Kaiser, der Prag und seinen Hof zum Zentrum eines im Geiste gleichen Europas der Vaterländer machen wollte; andererseits war er der nachtgesichtige Einzelgänger und leidenschaftliche Sammler von Abstrusitäten und Kuriositäten aus aller Welt. Zwerge und Riesen gehörten zu seiner Sammlung ebenso sehr wie Musikautomaten und optische Geräte.

Giuseppe Arcimboldo, 1527 in Mailand geboren und seit 1562 in Prag bei den Habsburgern tätig, hütete diese Kunst- und Kuriositäten-Kammern und erweiterte sie durch Ankäufe. Seine Malerei hat in dieser am Habsburgerhof hoch an gesehenen Tätigkeit ihren realen und – irrealen Hintergrund: auf Arcimboldos Bil deru addiert sich die Realität, aus der Summe der "concetti", der gesammelten Pointen, zu einer symbolisch bedeutsamen Kuriosität. Nichts ist das, was es ist. Alles enthüllt sich erst im Spiel der Gedanken. Was uns von Arcimboldo, dem Künstler, Zauberkünstler und Erfinder (dem Zeugnis seines Freundes Comanini nach soll er eine "Perspektivlaute" gebaut haben) geblieben ist, ist vergleichsweise wenig, sind einige Bilder; Nur 17 originale Arbeiten gelten als gesichert, und doch haben sie genügt, seinen Namen berühmt und den Maler des Zyklus der "Jahreszeiten" zu einem Synonym zu machen für den Manierismus.

Diesem Künstler der Extravaganz gilt der extravagante Bildband "Das Wunder Arcimboldo" (Verlag DuMont, Köln, 65,– DM): der Text von André Pieyre de Mandiargues ist in großen Lettern weiß auf schwarz gedruckt, bei den Abbildungen wird mit dem Wechsel von kleinen Totalansichten und bildseitenfüllenden Details gespielt. Ein schönes Buch, das einen Hauch zu schon ist, um Platz zu lassen für jenes Moment der Verstörung, aus der sich eine faszinierende Phantasie wie die Arcimboldos versteht.

Petra Kipphoff