„Wort an die Gemeinden“ in den Gliedkirchen des Bundes der Evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik, veröffentlicht am 25. Juni 1978:

„Unserer Welt zum Frieden zu helfen, haben Christen und Kirchen in zunehmenden Maße als ihre Aufgabe erkannt. Die Versöhnung, die Gott gegen alle Feindschaft der Menschen gesetzt hat, ist der Grund unseres Lebens. Davon Zeugnis zu geben, sind wir allen Menschen schuldig. Um dieses Auftrages willen arbeiten wir als Gemeinde Jesu Christi mit, wo Spannungen abgebaut werden, Vertrauen gefördert und Sicherheit zwischen den Völkern verstärkt werden kann.

In unseren Kirchen haben sich wegen der Einführung des Wehrunterrichts in den Schulen viele besorgte Stimmen zu Wort gemeldet. Der Vorstand der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen hat seinerseits diese Besorgnisse aufgenommen und die Regierung gebeten, das Fach Wehrerziehung nicht einzuführen. Er hat eine ausführliche mündliche Information über die Einführung dieses Lehrfaches in den 9. und 10. Klassen erhalten. Die Konferenz bedauert, daß die kirchlichen Bedenken nicht berücksichtigt wurden, und hat die Regierung noch einmal um eine Oberprüfung gebeten. Die Konferenz befürchtet, daß durch die Einführung von obligatorischem Wehrunterricht die Erziehung zum Frieden im Bewußtsein gerade von Jugendlichen ernsten Schaden leidet und die Glaubwürdigkeit der Friedenspolitik der DDR in Frage gestellt wird.

Angesichts dieser Situation kommt der Erziehung zum Frieden in unseren Gemeinden und Familien eine besondere Bedeutung zu. Wir haben uns zu mühen, daß wir der Gesinnung des Friedens und der Versöhnung Raum schaffen, daß von uns Vertrauen und Offenheit spürbar praktiziert werden, daß bei Lösung von Konflikten nicht die Macht das letzte Wort behält.

Die Eltern und Mitarbeiter in unseren Gemeinden tragen eine besondere Verantwortung für die Erziehung zum Frieden. Wie das geschieht, müssen wir gemeinsam lernen und dabei einander helfen.

Die Gewissen vieler sind belastet durch die Entscheidungen, die sie zu treffen haben. Den Angefochtenen möchten wir sagen, daß wir sie mit unserer Fürbitte und der uns möglichen Hilfe begleiten werden.“

Berlin, 14, Juni 1978. Die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen.