Von Heinz Josef Herbort

Am 14. Februar 1693 attestieren die „Ihrer WolEdl. günstl. Unserer HHI. Pflichtschuldigste“ Herren Christian Flor, Andrias Kneller und Vincent Lübeck, Organisten an der Johanniskirche zu Lüneburg, an St. Petri zu Hamburg und St. Cosmae zu Stade, dem „kunstwol-erfahrenen Orgelmacher H. Arpe Schnitkern“, das für die Jacobikirche „in dißer löbl. weltberühmten Stad Hamburg dem Großen Gott zu Ehren auf erbaute neue Orgel Werck“ habe er „mit sonderbarem Fleiß, Sorgfalt, und Curiosität getreu und redlich von sehr guten materialien verfertiget, also das wir nicht anders als Sein hierin wohlverdientes Lob Ihme deswegen beilegen können“.

Heute, 285 Jahre nach seiner Fertigstellung, zählt das Werk zu dem halben Dutzend derer, die für die Erforschung der Orgel-Geschichte wie der stilkritisch gesicherten Interpretation historischer Orgelmusik von höchster Bedeutung sind, besitzt es zumindest und vor allem von den historischen Instrumenten den größten Bestand an Originalteilen, können es sich die Gemeinde und ihre Kantorei zum drittenmal leisten, ein „Arp-Schnitger-Fest“ (2. bis 5. und 11./18./25. Juli/1. August) zu veranstalten. Was den einen mit Komponisten, in Halle, London und Göttingen mit Händel, in Salzburg mit Mozart, in Bayreuth mit Wagner recht ist, ist den anderen mit einem Instrumentenmacher als genau loci billig.

Orgeln haben, solange sie existieren, unter anderem eine ähnliche Funktion zu erfüllen gehabt wie, sagen wir, die Fernsehtürme, frei gespannten Brücken, Tanker oder Fußballstadien heutzutage: Ihrer Größe war die Reputation derer, die sie bauten, besaßen, benutzten, direkt proportional. Und die argwöhnischen Blicke von Geistlichkeit, Kirchenvorstand, Organist und Gemeinde wachten peinlich darüber, daß auch nur ja niemand das Prestige verletzte oder schmälerte, indem er Größeres baute.

Das war auch nicht anders im Hamburg des ausgehenden 17. Jahrhunderts, wo man einerseits einem exzellenten Bewerber um eine Organistenstelle, dem damals fünfunddreißigjährigen Johann Sebastian Bach, jemanden vorzog, der zwar weit weniger künstlerische Qualitäten besaß, der aber 4000 Mark in die Gemeindekasse zahlte – wo man sich aber andererseits auch im Umkreis von nicht einmal 500 Metern in vier großen Kirchen je eine höchst respektable und repräsentative Orgel leistete.

Mehr noch: Weil beispielsweise der Kollege Dietrich Buxtehude in Lübeck/St. Marian in seiner Orgel einen 32’-Prinzipal besaß – ein Pedalregister, dessen tiefste Pfeife die enorme Lange von 32 Fuß, also annähernd zehn Meter erreicht –, setzte Adam Reinken, Organist an St. Katharinen zu Hamburg, 1669 durch, daß er auch solch ein Superding bekam – und wurde ziemlich giftig, als 1689 Arp Schnitger in einem „großen“ Entwurf für die Jacobi-Orgel ebenfalls einen 32-Fuß vorsah und auch baute.

Wenn heute Heinz Wunderlich, Organist und Kantor an St. Jacobi, auf der Schallplatte oder im Hörfunk Bach interpretiert, könnte der 32-Fuß vielleicht wieder wahrgenommen werden – die Technik schafft seinen Einsatz inzwischen. Aber es müßte jemand zu Hause den Mut haben, weder Höhen und Tiefen, noch vor allem Dynamik wegzuregeln. Arp Schnitger hat ebensowenig für den sozialen Wohnungsbau oder das Reihenhaus gebaute wie Bach seine Toccaten, Präludien und Phantasien für derlei Behausungen komponierte.