Rede auf der PEN-Tagung in Stockholm

Nachdem das erste Motto unseres Zusammentreffens, nämlich „Writer in disguise“, Schriftsteller in Verkleidung, vom PEN-Sekretariat als Irrtum widerrufen und durch „Literature in disguise“ ersetzt wurde, kann ich eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen. Meine Maskierungspläne sind damit hinfällig; geworden. Und ich wäre so gern als Klassiker gekommen. Immerhin finde ich einen Trost darin, wenigstens über Verkleidung und Verstellung sprechen zu können, teils verkappt und teils entlarvend. Zwar gehöre ich nicht zu den Fachkundlern auf diesem Gebiet und verstehe weder etwas von Kosmetik noch von Haute Couture, dafür lebe ich jedoch in einer Gesellschaft, wo das besagte Phänomen ein ganz wesentliches Moment der kulturellen Szenerie darstellt. Maskieren und Demaskieren – so ließe sich dieser dialektische Vorgang auf den Kürzestnenner bringen, wollte man bezeichnen, was immer wieder zwischen Kulturpolitikern und Kulturschaffenden stattfindet oder von Zeit zu Zeit ausbricht.

Bereits in den benutzten Formulierungen, eher Formeln sogar, kündet der Widerspruch von sich selber. Zwischen dem Verlangen nach „Aufdeckung der Schönheit unseres Lebens“, welches die Verdickung des „Unschönen“ stillschweigend impliziert, und der metierbedingten Selbstverständlichkeit am eigenen Leibe erfahrene Wirklichkeit zu reflektieren, ganz gleich ob dies parabelhaft oder „naturgetreu“ geschieht, zwischen diesen aus unterschiedlichen Funktionen und Intentionen stammenden Gegensätzen entstehen und entladen sich – wie bei dem Elektrisierapparat unserer Schulzeit – die Spannungen. Manchmal sind die Funken weithin sichtbar.

Anders ausgedrückt: Zwischen der Scylla hypokritischer Forderungen, die das Gegenteil ihrer Verbalität bedeuten, und der Charybdis des inneren Zwanges zur Wahrheitsfindung und Selbstverwirklichung paddelt der Autor ziellos dahin, von häufig sich überschlagenden ideologischen Wellen kräftig gebeutelt. Wie dem Odysseus hilft ihm nur List, will er da durchkommen und dem Zorn der Götter entgehen, deren Anzahl und Macht hinter den olympischen keineswegs zurücksteht. Glücklich, wer da manchmal etwas wie eine Athene zur Seite hat, die ja gleichfalls, wie wir wissen, eine Verhüllungskünstlerin gewesen ist, die den göttlichen Dulder mit der benötigten Mimikry ausstattete.

Aber – so wird der die größere Direktheit im Beschreiben von Realität gewohnte Leser fragen – handelt es sich bei dem, wovon ich andeutungsweise rede, nicht um Sonderprobleme spezieller Länder und Völker? Und weiterhin: Muß denn der Akt des Verkleidens von Wahrheit, deren Nacktheit in den Ländern des realen Puritanismus wohl wegen des frostigen Klimas der Straf rechts- wie der Körperpflege bedarf, diese Wahrheit nicht selber verändern und beschädigen? Kleider machen bekanntlich Leute, und was bleibt von der Wahrheit übrig, sobald sie in ein freundlich geblümtes Kleid gesteckt wird? Ahnt man nicht bestenfalls nur noch ihre konkrete Gestalt, während sie selber, ihr Eigentliches, nahezu eliminiert ist?

Dieser Hypothese mich anzuschließen, zögere ich, und zwar kaum allein aus defensiven Gründen oder um die Voraussetzungen meiner Arbeit als begrüßenswerte Normalität zu deklarieren, sondern einfach darum, weil seit paradiesischen Tagen, etwa ab Erfindung des Feigenblattes, bekannt ist, daß Bekleidung enthüllender sein kann, provozierender und anregender als die schiere Entblößung. Weil über alle meist mittelmäßigen Faktoren und Tatsachen hinaus ihre Vorstellbarkeit die Phantasie mächtiger anregt und das Vorgestellte, Imaginierte, ahnungsvoll Vermutete gewaltig potenziert. Keine Religion existierte oder wäre auf uns gekommen, wäre sie bereits in den Anfängen in der Lage gewesen, ihre zentralen Glaubensinhalte authentisch zu belegen, Gott auftreten zu lassen, Engel und gefallene Engel vorzuführen und aus den Gefilden der Seligen touristische Attraktionen machen zu können, derer man durch Befolgung der Gebote teilhaftig würde. Oder mit einem mehr literarischen Vergleich gesprochen: Ohne Swifts „Gulliver“ hätten wir geringere Ahnung, daß wir nach dem Erwachen, also einem Bewußtwerden, uns sogleich gefesselt wiederfanden, in den Händen von eindeutig als solchen bezeichneten Liliputanern, denen wir dienstbar sein sollen, nur um unseres Lebenserhaltes willen, und an deren Auseinandersetzungen teilzunehmen unsere Lage uns zwingt.

Oder wüßten wir mehr von unserer – Gegenwar und was um in ihr lebenslang erwartet, wenn Kafka unter dem Titel „Das Schloß“ eine Analyse der Bürokratie im Spätstadium der Donaumonarchie und außerdem in Balzacscher Manier verfaßt hätte? Daß man mich nicht mißverstehe: Ich rede nicht der Parabel Brechtscher Machart das Wort, deren Erfolg aus dem Umstand resultiert, daß sie Gewußtes bestätigt, aber nicht das bis dato Ungesagte, Unsagbare, Unsägliche durch sprachliche Einkleidung überhaupt erst sichtbar werden läßt, sondern vielmehr „komplexe“ Tatbestände in Vereinfachungen übersetzte, wodurch sie scheinbar verständlicher wurden. Ich sage: scheinbar, weil uns diese großen und einfallsreichen Vereinfachungen, Folgeerscheinung ebenfalls großer und einfallsreicher theoretischer Vereinfachungen, die Irrationalität, in der wir und unsere Mitmenschen objektiv gefangen sind, nicht restlos zu erklären vermögen. Dieser überwältigenden Irrationalität erwehren sich vielfältig colorierte Rationalisten durch Tragen einer Brille, deren Glas durch Pappscheiben ersetzt worden ist.