Von Karl-Heinz Janßen

Die Kroaten sind ein leidgeprüftes Volk, heimgesucht von nationalen Katastrophen, grausamen Verfolgungen, immer wieder betrogen um ihre Unabhängigkeit. Die erste Kunde stammt aus dem 7. Jahrhundert nach Christi, als sie den nordwestlichen Balkan und die dalmatinische Küste besiedelten. Es war ihr Unglück, daß sie, anders als die sprachgewandten Serben, nicht von Byzanz, sondern von Rom christianisiert wurden. Fortan lebten die Nachbarvölker durch Welten getrennt: die römischkatholischen Kroaten schrieben Latein, die griechisch-orthodoxen Serben kyrillisch. Nachdem Teile des Landes den Türken anheimgefallen waren und sich in Bosnien der Islam ausgebreitet hatte, verlief die Grenze zwischen Asien und Europa 400 Jahre lang quer durch Kroatien.

Längst war die Freiheit dahin. Nach kurzer Blütezeit unter gesalbten Herrschern, die sogar der Seemacht Venedig das Leben schwer machten, wurde das Königreich 1102 durch die pacta conventa in Personalunion der Stephanskrone zugeschlagen; fortan wurden die Gebiete zwischen Drau und Adria im Auftrage der ungarischen Könige, seit 1526 der Habsburger von einem "Ban" (Statthalter) verwaltet. Als Wächter an der österreichischen Militärgrenze gegenüber der türkischen Gefahr erwarben sich die Kroaten in ganz Europa einen Ruf als gute Soldaten. Ihre Reiter kämpften unter Tilly und Wallenstein, als Trencks Panduren, im Bosniakenkorps Friedrichs des Großen und für Napoleon; sogar in Stalingrad war ein kroatisches Bataillon dabei.

Im Oktober 1918 sagte sich der kroatische Nationalrat von der k. u. k.-Monarchie los, doch aus Furcht vor einer italienischen Invasion retteten sich die Kroaten in die Arme der Serben, die im Ersten Weltkrieg auf der richtigen Seite gekämpft hatten. Sie gingen auf im "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen", doch die Nationalisten der Bauernpartei rumorten weiter. König Alexander löste die Spannungen 1929 durch einen Staatsstreich; eine Militärdiktatur unterdrückte die kroatischen Autonomisten; es entstand der von Serbien beherrschte Einheitsstaat "Jugoslawien". Hunderte kroatischer Nationalisten flüchteten ins Ausland, unter ihnen der radikale Anwalt Ante Pavelić. In Ungarn und Italien bildete er seine Ustascha (Aufständische) für den Untergrundkrieg aus: Mordanschläge und Eisenbahnattentate waren bald an der Tagesordnung. 1934 fiel König Alexander bei einem Staatsbesuch in Marseille einem Mordanschlag zum Opfer; Pavelić wurde deswegen in Frankreich und in Jugoslawien in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Im April 1941, im Gefolge der deutschen Wehrmacht, zog Pavelić als Poglavnik (Führer) in Agram ein und errichtete ein autoritäres Regime von Hitlers und Mussolinis Gnaden. Dem Namen nach war es ein unabhängiges Königreich Kroatien unter einem italienischen Herzog, der nie sein Reich betreten hat. In dem neuen Staatswesen, das eine eigene Armee aufstellen durfte, lebten 3,3 Millionen katholischer Kroaten 2,2 Millionen orthodoxe Serben und 800 000 bosnische Muselmanen. Hitlers Mordpraktiken machten auch hier Schule. Unterrichtsminister Budak am 6. Juni 1941: "Ein Drittel der Serben werden wir erschlagen, ein Drittel werden wir vertreiben, und ein Drittel werden wir zu Kroaten machen." So geschah es denn auch. Nach einem Bericht der deutschen Sicherheitspolizei waren im Februar 1942 bereits 300 000 Serben abgeschlachtet oder "mit den sadistischsten Methoden" zu Tode gequält worden. Massenmord, Massenaussiedlungen und Zwangsbekehrung zum katholischen Glauben wurden mit dem Terror königstreuer Četniks und der Partisanen Titos beantwortet.

Das kroatische Heer blieb bis zum bitteren Ende im Mai 1945 der deutschen Wehrmacht treu. Pavelić setzte sich ins Ausland ab und überließ Nation und Armee dem Schicksal, das sich in der "Tragödie von Bleiberg" vollendete: Von den Engländern in Kärnten zurückgetrieben, gerieten etwa 200 000 Soldaten und Flüchtlinge in die Hände der Partisanen – Zehntausende wurden in den folgenden Wochen exekutiert. Insgesamt soll Kroatien zwischen 1941 und 1945 eine Million Menschen verloren haben, ein Viertel des Volkes. Die Überlebenden wurden Bürger der kommunistischen "Föderativen Volksrepublik Jugoslawien".