Die Herren kamen zur VEW-Hauptversammlung. Sie trugen maßgeschneiderte graue Flanellanzüge und hatten an ihren Autos Aufkleber, die für die ungefährliche Kernenergie werben. Sie redeten forsch und so laut, daß ich nicht umhin konnte, ihre-Gespräche am Nebentisch mitzuhören. Es ging um Tennis und um Staus auf der Autobahn. „Heute abend ist hier der Dylan – kennen Sie den?“ sagte einer.Ein anderer verneinte. „Ich habe im Radio gehört, der soll sogar Elvis Presley übertrumpfen.“ Dann kam man sehr schnell auf ABBA („die sind doch aus Schweden, nicht?“).

Die anderen, die mit Schlafsäcken kamen und eher „Kernkraft, nein danke“ bekennen, haben vielleicht an Dylan allerlei auszusetzen. Aber wie er auch leben und verdienen mag: den Herren von der VEW-Hauptversammlung wird seine Musik nie gehören. Es ist genauso, wie Eric Burdon einmal sang: „Nein, sie können unsere Musik nicht wegnehmen.“ Nirgends zeigt es sich so deutlich wie in der Musik: daß es nach wie vor zwei Kulturen gibt. Und zwar hier, mitten in der hochindustrialisierten europäischen Gesellschaft.

Dylan ergeht es wie jenen wenigen charismatischen Individuen, in denen sich wie in einem Brennpunkt eine Zeitströmung personifiziert. Dylan steht wie kein zweiter für die Vereinigung von politischem Protest und jugendlicher Populärkultur in den sechziger Jahren. Es sind Leute wie er, an denen sich Hoffnungen und Wünsche, Bewunderung und Identifikation festmachen, und denen man dann um so heftiger und mitleidsloser übelnimmt, wenn sie sich von der Sache entfernen, die sie – zumindest für ihre Verehrer symbolisieren.

Das begann vor knapp zehn Jahren, als Dylan ein Selbstporträt in Form eines Doppelalbums entwarf.Die ihn als den engagierten Protestsänger feierten, konnten ihm nicht in die Mischung von Sentimentalität und Selbstironie folgen, mit der er Schlager der fünfziger Jahre, also seiner musikalischen Sozialisation, präsentierte.

Und auch jetzt wird von seinen Altersgenossen, die allmählich auf die vierzig zugehen, mit Spott nicht eben gespart. Siegfried Schober war im „Spiegel“ schon präventiv auf Dylans erste Konzerte in Deutschland böse. Was er vergißt: Als Dylan „eine der großen Leitfiguren der Jugendrevolte“ war, schriebSchober nicht im „Spiegel“ und ich nicht in der ZEIT.

Das ist doch wohl der Punkt. „The Times They Are A’changin’“. Dylan beschließt noch heute sein Programm mit diesen inzwischen klassischen Protestsongs. Doch die Zeiten änderten sich in eine andere Richtung, als Dylan (und Schober und ich) einst dachten. Und Dylan ist ein getreuer Reflex dieser Veränderungen. Berkeley und Green wich Village haben, sich ebenso gewandelt wie die Hochschulen der Bundesrepublik; Man sollte nicht Dylan verantwortlich machen für Entwicklungen, deren Produkt, nicht Ursache er ist; man sollte nicht sein eigenes schlechtes Gewissen in den Sangerprojezieren.

Dies ist das Problem der-Generation, die mit Dylan aufwuchs. Die ganz Jungen, die erstaunlich stark im Publikum vertreten sind, kennen diese Bedenken nicht. Sie applaudieren Dylan heftig und machen keinen Unterschied zwischen seinen, neuen und den alten, sozialkritischen Liedern. Wenn er, ein Rock-Sänger wie andere und doch derjenige, ohne den vieles, was nachkam, nicht möglich wäre, „Like A Rolling Stone“ singt oder „Blowing In The Wind“, leuchten überall in der finsteren Westfalenhalle kleine Flämmchen auf und ein Hauch von Woodstock weht herüber.