Der Anschlag einer bretonischen Terroristen-Gruppe auf das Schloß Versailles könnte der Auftakt für eine Serie neuer Gewalttaten sein.

Langsam scheint auch den Franzosen der Kragen zu platzen. Anschläge auf Präfekturen, auf regionale Fernsehstationen, Starkstromleitungen, abgestellte Flugzeuge – das mag ja noch angehen, zumal, wenn die Bomben der Autonomisten in Korsika oder in der Bretagne selbst explodieren. Kaum jemand außer den Betroffenen nimmt davon Notiz. Doch jetzt, da selbst die Heiligtümer der Nation nicht mehr sicher scheinen, reden die Zeitungen plötzlich nicht mehr von Autonomisten, sondern von Terroristen.

Der Anschlag auf einen Flügel des Versailler Schlosses hat natürlich Symbolwert. Versailles steht für den Absolutismus eines Ludwig XIV. und für den Zentralismus eines Napoleon, aber auch für das gesamte französische Kulturverständnis, das Paris die Führungsrolle sichert und für regionale Sprachen und Kulturen kaum Platz läßt. Darauf hat auch die „Front für die Befreiung der Bretagne“ hingewiesen, die (genau wie zwei andere revolutionäre Organisationen) das Attentat für sich in Anspruch nimmt.

Erst am 16. Mai dieses Jahres hatte Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing den Gebäudetrakt eingeweiht, der jetzt ein Opfer der Bomben wurde. Riesige Gemälde erzählten die Geschichte des Konsuls und Kaisers Napoleon. In drei Sälen sind Bilder und Mobiliar total zerstört, in sieben anderen sind die Schäden beträchtlich. Vermutlich wurde die Bombe am Sonntag deponiert, als die letzten Besucher das Schloß verließen. Am Abend feierten einige tausend Menschen im Park bis nach Mitternacht den Sommeranfang mit einem großen Feuerwerk, bevor kurz nach zwei Uhr der Sprengsatz explodierte. Seit den Tagen Ludwigs XIV. hatte es in Versailles keinen Anschlag mehr gegeben, selbst die beiden Weltkriege hinterließen keine Spuren.

Nicht nur der Schaden von 5 Millionen Franc erregte die Öffentlichkeit, sondern vor allem die Furcht, der Terrorismus könne nun auch in Frankreich skrupelloser als bisher wüten. So wurde am Montag in der Spielzeugabteilung des Pariser Kaufhauses BHV eine Bombe mit Zeitzünder entdeckt.

Klaus-Peter Schmid (Paris)