Von Horst Kerlikowsky

Das Dementi kam schnell. Gerade hatte Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht getönt, der britische Chemiekonzern Imperial Chemical Industries Ltd. (ICI) wolle bei Wilhelmshaven für vier Milliarden Mark in zehn bis zwölf Jahren „die größte Industrieansiedlung des Landes“ verwirklichen, da erklärten Firmensprecher in London: „Eine totale Spekulation.“

Und sie dementierten gleich noch mehr. Nicht nur die Berichte über den Umfang der mittelfristigen Investitionsplanung in Deutschland seien falsch, sondern auch die Angaben über die Projekte selbst. So werde keineswegs in Wilhelmshaven ein Äthylen-Cracker mit einer Kapazität von 350 000 Tonnen gebaut; geplant seien Anlagen zur Erzeugung von Chlor und verwandten Produkten.

Hat also Ernst Albrecht vor der Wahl falsch gespielt? Schließlich erklärt auch der Chef der Deutschen ICI GmbH, Peter Schmitt, lediglich: „Die Investitionssumme von vier Milliarden ist von Ministerpräsident Albrecht bei der Unterzeichnung des Ansiedlungsvertrages genannt worden, nicht von uns. Wir haben nur erklärt, daß wir in Wilhelmshaven bis 1980 für 800 Millionen Mark Anlagen bauen werden.“ Eine weitere Investition von 200 bis 300 Millionen Mark sei um zwei Jahre verschoben, weil die ICI gerade eben in Wilhelmshaven von der Alusuisse-Gruppe ein Werk habe kaufen können, das den benötigten Grundstoff Chlor liefere. Mehr läßt sich Schmitt nicht entlocken.

Die Zurückhaltung ist verständlich, ja notwendig. Die britischen Gewerkschaften nämlich beargwöhnen jede größere Investition auf dem Kontinent, weil sie dadurch Arbeitsplätze in Großbritannien gefährdet sehen. Außerdem verlieren die Funktionäre an Einfluß auf Konzerne, die sich im Ausland engagieren.

Gerade in den Tagen nun, in denen das Wilhelmshavener Projekt hierzulande gefeiert wurde, spitzte sich in Großbritannien eine Auseinandersetzung zwischen ICI und zwei Gewerkschaften so zu, daß das Unternehmen nur noch die Stillegung von Äthylen-Crackern als Ausweg sah. Am 19. Juni wurde die erste Anlage abgeschaltet, drei weitere sollen in vier bis sechs Wochen folgen. Da muß jeder Bericht über Auslandsinvestitionen – insbesondere die Nachricht über den Bau eines Crackers in Wilhelmshaven – die Gewerkschaftsfronten verhärten.

Der Anlaß für die Auseinandersetzungen ist sehr britisch. Die Gewerkschaften widersetzen sich der Umschulung von Schlossern und Elektrikern, die in Zukunft die Instrumente im Kontrollraum warten sollen. Sie wollen vorher Einigkeit über Lohnerhöhungen – und so werden nun wahrscheinlich jene vier Anlagen stillgelegt, was nicht nur die Arbeitsplätze von Tausenden gefährdet, sondern auch neue Investitionsprogramme. Jedenfalls erklärte das ICI-Management, die Pläne, im nordenglischen Teesside Anlagen für 480 Millionen Pfund zu errichten, stunden jetzt wieder zur Diskussion. Zur Beschwichtigung hieß es aber gleichzeitig, diese Investition würde nun nicht etwa nach Wilhelmshaven verlagert.