Kiel

Wind bis Stärke 6, dazu Sonnenschein, tausend Boote auf den fünf Regattabahnen, weitere zweihundert Yachten in der Seewettfahrt, eine Armada von Begleitfahrzeugen, Segelsport in Glanz und Gloria: Kieler Woche, erster Tag – und Fußball-WM, letzter Tag.

Der Schädel von Fritz Thiedemann auf der einen und der von Uwe Seeler auf der anderen Seite drohen das Bildschirmspielfeld zu verdecken. Zwischen beiden hindurch blicke ich über einen unverwechselbaren Hinterkopf hinweg. „Der Bundespräsident und schleswig-holsteinische Sportler sehen das Endspiel der „Weltmeisterschaft“, heißt die Kieler-Woche-Veranstaltung, die hier in separierter Halle des Hotels abläuft. Wie der Zufall so spielt, sitze ich dabei. Das Fernsehzimmer übrigens ist fest in der Hand einer halben Hundertschaft von Polizisten und Chauffeuren.

Am Tag zuvor ist die Kieler Woche eröffnet worden, anderthalb Stunden später als in den Jahren zuvor. Der Bundespräsident, las man in der Zeitung, habe wie andere auch das Spiel um den dritten Platz der Fußball-WM sehen wollen. Das Endspiel sieht er nun, gleichsam wollen. Woche-integriert, mit zweieinhalb Dutzend Sport-Assen im meerumschlungenen Land und mit dem Ministerpräsidenten. Zu den Sportgrößen gehören selbstverständlich Fritz Thiedemann, der Altmeister im Springreiten, und immerhin topographisch Uwe Seeler, der Fußballdauerstar, berühmt zwar als Hamburger, wohnhaft aber im holsteinischen Norderstedt. Es gibt Bier und Wein. Doris Bassig trinkt gar nichts: Die einzige Frau in der Sportlerrunde ist „Kapitän“ einer Damenfußballmannschaft aus Rendsburg, Landesmeister.

„2:1 für Holland“, tippt sie. Wer hier sonst noch Fußballverstand hat, neigt offenbar ebenfalls den Niederländern zu. Beim Torschuß von Poortvliet springen Uwe Seeler und vier andere auf zum Jubelruf. Ansonsten behält die Stimmung Schlips und Kragen um.

Von dort, wo Walter Scheel sitzt, tönt dann und wann Stimmerhobenes als Kommentar: „Das ist ja uuunglaublich“ (womit eine Schiedsrichteruntat gemeint ist), oder: „Neeskens ist wieder voll da“ (worin neue Hoffnung auf den Sieg der Holländer mitschwingen mag). Was er sagt, und wie er’s sagt, „voll da“ im Fußballdeutsch, genügt durchaus, den Bundespräsidenten als Kenner des Nationalspiels auszuweisen. Er hat in der Tat mehr als nur Ahnung vom Fußball. Zwei junge Reporter allerdings, die ihn an der Tür abfangen wollen, erhalten nur kärgstes Statement: „Sie haben mir leid getan, die Niederländer hätten es verdient gehabt.“ Mit einem „Ach, du meine Güte“ und auf profi-freundliche Art sind sie in Sekundenschnelle abgefertigt. Die Scheel-Truppe stürmt fort. Einer schaut hinterher und wundert sich: „Wie ein Spuk.“

Die beiden Reporter halten sich an Uwe Seeler. „Dumme Tore“, meint er, seien es gewesen. Es hätte sehr wohl statt des 3:1-Sieges für Argentinien einen 2:1-Erfolg für die Holländer geben können. Ich frage dazwischen, wie er denn den Fußballfan Scheel empfunden habe. „Sehr interessiert, sehr informiert“, sagt Uwe Seelen Auf dem Bildschirm küßt derweil Bertoni den Goldpokal, sieht man Bilder, die ein politischer Mensch sich ungern entgehen läßt.

Alexander Rost