Von Eva Marie von Münch

Hamburg

Veramente brutto“ – wirklich scheußlich – fand eine italienische Kioskverkäuferin im schweizerischen Tessin das Titelbild der Nr. 24 des stern, holte die Illustrierte mit mißbilligender Miene unter dem Ladentisch hervor und reichte sie der deutschen Kundin umgedreht – das Titelblatt verdeckt – über die Theke, so daß das Photo mit dem nackten Frauenpopo nicht zu sehen war. Scheußlich und mehr als das: entwürdigend und beleidigend findet Emma die stern-Titelbilder schon länger. Ende voriger Woche haben zehn Frauen (unter ihnen Margarete Mitscherlich, Erika Pluhar, Inge Meysel, Alice Schwarzer) auf eine Emma-Intitiative hin bei der Zivilkammer 24 des Landgerichts Hamburg Klage erhoben.

Sie beantragen, den Verlag Gruner + Jahr und stern-Chefredakteur Henri Nannen zu verurteilen, „es bei Meidung eines vom Gericht für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu 500 000 DM, ersatzweise Ordnungshaft bis zu sechs Monaten oder einer Ordnungshaft bis zu zwei Jahren zu unterlassen“, auf den Titelseiten des stern Frauen als „bloßes Sexualobjekt“ darzustellen und dadurch „beim männlichen Betrachter“ den Eindruck zu erwecken, „der Mann könne über die Frau beliebig verfügen und sie beherrschen“.

Die verfügen Frauen fühlen sich „in ihrer Ehre und ihrer Persönlichkeit als Frauen gekränkt“. Sie meinen, auf den Titelbildern reduziere der Stern die Frau auf „geschlechtliche Benutzbarkeit“ und Frau damit zugleich „weibliche Unterlegenheit und männliche Dominanz“ suggerieren. Dies aber sei für jede Frau verletzend und damit eine persönliche Beleidigung jeder einzelnen Klägerin.

Die Chancen der Frauen, vor Gericht gegen die mächtigen Gegner erfolgreich zu sein, sind ungewiß. Beleidigungsfähig ist nach dem geltenden Recht in erster Linie der einzelne Mensch. Personengruppen können entweder als Gesamtheit in ihrer Kollektivehre beleidigt werden („der Springer-Verlag“, „die Bundesregierung“) – dann ist nur die Personengesamtheit betroffen, nicht jeder einzelne. Man kann aber auch als jeweils einzelne Person über eine Kollektivbezeichnung beleidigt werden. Auf diese zweite Möglichkeit stützt die Hamburger Anwältin Gisela Wild die Klage der zehn.

Eine Einzelbeleidigung via Kollektiv haben die Gerichte beispielsweise angenommen, als „die deutschen Richter“, „die deutschen Ärzte“, „die christlichen Geistlichen“ oder auch „die Großgrundbesitzer einer Provinz“ betroffen waren. Auch „die deutschen Juden“ hat der Bundesgerichtshof in einer berühmten Entscheidung für beleidigungsfähig gehalten, allerdings nur „wegen ihres durch die nationalsozialistische Verfolgung gekennzeichneten Schicksals“; dagegen sind „die Katholiken“, „die Protestanten“, „die Akademiker“ und „alle aktiv an der Entnazifizierung beteiligten Personen“ nicht qua Kollektiv als Einzelperson beleidigungsfähig, weil hier der betroffene Personenkreis nicht deutlich genug abgrenzbar ist.