Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

Die Wechselbäder dauern an. Pjotr Abrassimow, der sowjetische Botschafter in der DDR, polemisiert gegen die beabsichtigte Entsendung Westberliner Abgeordneter in das Europa-Parlament und die turnusmäßige Wahl des Regierenden Bürgermeisters Stobbe zum Bundesratspräsidenten. Wie alle Moskauer Interpreten kann der Botschafter im Viermächteabkommen über die Stadt nur das Wort „Verbindungen“, nicht aber den Begriff „Bindungen“ entdecken. Zur gleichen Zeit jedoch kommen, nach längerem Stillstand, zwischen den beiden deutschen Staaten wieder Verhandlungen in Gang, die den Bindungen Westberlins an die Bundesrepublik nutzen können, indem sie die Verbindungen der Stadt zum Westen verbessern.

Hat der Kreml auf die innerdeutschen Kontakte, zumal, wenn sie mit Berlin zu tun haben, ein mißtrauisches Auge, so gilt andererseits, daß die DDR nach dem Bonn-Besuch Leonid Breschnjews für die Gespräche über die neue Autobahn von Berlin in den Norden der Bundesrepublik und andere Verkehrsprojekte endlich grünes Licht erhalten hat. An diesen Vorhaben liegt ihr sehr, weil sie beträchtliche Deviseneinnahmen versprechen. Welche Bedeutung die DDR den Bauplänen beimißt, zeigt sich daran, daß Günter Gaus, der ständige Bonner Vertreter in Ostberlin, zunächst mit dem stellvertretenden Außenminister Nier am Verhandlungstisch sitzt. Wo es um Transitfragen, viel Geld und die Bündelung mehrerer Projekte geht, müssen vorab die politischen Dimensionen erörtert werden. Erst dann werden sich die Fachleute treffen.

Politische Sachentscheidungen

Auch wichtige Baudetails sind letzten Endes politischer Natur. Fällt, wie es bisher den Anschein hat, die Entscheidung zugunsten der längeren Autobahntrasse in Richtung Hamburg, so werden die damit verbundenen höheren Kosten und die längeren Fahrzeiten für die Berliner, bei der innenpolitischen Auseinandersetzung in der Bundesrepublik eine Rolle spielen. Die kürzere Route nach Niedersachsen, die zudem den Raum Lüchow-Dannenberg besser erschließen und westdeutschen Baufirmen erhebliche Aufträge bescheren, würde, ist deshalb noch nicht aus der Welt. Das gleiche gilt für Überlegungen, durch den Bau einer südlichen Abzweigung von der Nordstrecke das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Konkretere Formen hat diese Planungsvariante indes noch nicht angenommen.

Defizite und Devisen