Geschlafen hat die Kirche in der DDR, wie manche ihrer Kritiker im Westen häufig behauptet haben, nie. Freilich war sie in der Zeit, da der Staat sie drakonisch bekämpfte, mutlos geworden. Selbst DDR-Christen belegten sie mit dem bösen Wort von der „Duckmäuser-Kirche“. Die Selbstverbrennung des Dorfpfarrers Brüsewitz war ein Zeichen des Protestes gegen eine vermeintlich angepaßte Kirche. Doch ihr geschah Unrecht damit.

Gerade ihre tiefe Abneigung wider die „Erziehung zum Haß“, wider das primitive Freund-Feind-Denken schon bei Kindern hat sie nie verhehlt, im eigenen Kreis oft genug dagegen aufbegehrt. Nur auf den offenen Markt hatte sie sich mit ihrem Widerwort und Widerstand bisher nicht gewagt, wohl nicht wagen können. Das hat sich nun, wie das Beispiel der Kanzelabkündigung in Sachen Wehrkunde zeigt, nach dem 6. März 1978 grundsätzlich geändert.

Seit jenem fast schon historischen Gespräch des SED-Chefs Honecker mit evangelischen Bischöfen, dem ersten seit der Trennung der DDR-Kirche von der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahre 1969, ist aus dem Protestanten tum im stillen Kämmerlein eine öffentlich bekennende Kirche geworden.

Mit einigem Recht kann sie sich in ihrem unverhüllten Protest auf Honeckers Zusage berufen, Christen dürften in der DDR ihres Glaubens wegen keine Nachteile erleiden, die Kirche habe vielmehr das Recht, aus eigenem Antrieb in gemeinsamer Verantwortung gegenüber den „humanistischen Zielen der sozialistischen Gesellschaft“ Stellung zu beziehen. Das hat sie jetzt getan und als „Kirche im Sozialismus“ – nicht als sozialistische Kirche – die Erziehung zu Frieden und Versöhnung in den Dienst „humanistischer“ Politik gestellt – scheinbar ganz im Sinne Honeckers.

Die Bewährungsprobe indessen steht noch aus. Vor „Ort“ erst wird sich erweisen, ob Eltern und Kinder, die sich der Wehrkunde-Indoktrination verweigern, künftig von den lokalen SED-Funktionären ebenso schikaniert werden wie in Fällen des Konfirmandenunterrichts oder der Kriegsdienstverweigerung. Dietrich Strothmann