Von Karl-Heinz Janßen

Zwei Meldungen der vorigen Woche, versteckt auf den hinteren Seiten der Zeitungen, verknüpft durch verborgenen Sinn, weniger zufällig als notwendig, sagen doch beide etwas aus über unsere lädierte republikanische Tradition, auch über das gebrochene Verhältnis unserer Gesellschaft und unserer Parteien zu den Linksintellektuellen: Der niedersächsische Wissenschaftsminister Pestel untersagte der Universität Oldenburg, in Angelegenheiten der Selbstverwaltung im Briefkopf den Namen des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky zu führen. Und: Der Königsteiner Athenäum-Verlag kündigte für den Herbst ein politisch-literarisches Ereignis an: Zum erstenmal erscheint in der Bundesrepublik ein preiswerter Neudruck der politisch-kulturellen Wochenschrift "Veitbühne" (1918–1933), deren letzter Chefredakteur Ossietzky hieß.

Es ist hier nicht der Ort, die Auseinandersetzungen um die Oldenburger Universität aufzurollen, die bezeichnenderweise unter dem sozialdemokratischen Vorgänger des Christlichen Demokraten Pestel begannen. Der Minister hat öfters versichert, er verneige sich vor dem Martyrium des von den Nazis gefolterten Publizisten, doch zu offensichtlich steckt hinter den hannoverschen Entscheidungen das alte Vorurteil, die "Weltbühne" sei ein. kommunistisches oder doch linksradikales Kampfblatt gewesen, wegen seiner im Negativen verweilenden Kritik mitschuldig am Untergang der Weimarer Republik. Ist nicht die "Weltbühne" im Prager Exil vollends ins stalinistische Fahrwasser abgedriftet? Ist sie nicht nach 1945 in der sowjetischen Zone als SED-frommes Blatt wiedererstanden, noch dazu unter dem Patronat der Witwe Ossietzkys?

Nicht nur jüngeren Zeitgenossen muß man heute erklären, was die "Weltbühne" wirklich gewesen ist – nämlich eines der wenigen unabhängigen, glanzvoll redigierten Meinungsorgane der ersten Republik, in dem zu schreiben nahezu alle Schriftsteller von Rang und Namen sich zur Ehre anrechneten. Sie war eben nicht nur die Zeitschrift des Satirikers Kurt Tucholsky mit seinen berühmten fünf PS (deren Bedeutung mancherorts gern auf die eines Kabarettisten, eines liebenswürdigen Berliner Feuilletonisten reduziert wird, obschon er sich viel öfters sehr ernst zu Wort gemeldet, politisch gekämpft hat – "mit Haß aus Liebe"). Sie genoß unter dem Namen "Schaubühne" schon einen exzellenten Ruf als kritische Theaterrevue der wilhelminischen Zeit, wurde aber erst mit der heraufziehenden Revolution des Jahres 1918 von ihrem Herausgeber, dem Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn, in eine politische Zeitschrift umgewandelt.

Einige der führenden Mitarbeiter standen den Liberalen der neuen Deutschen Demokratischen Partei näher als den sozialdemokratischen Richtungen. Journalisten der großen bürgerlichen Tageszeitungen in Berlin steuerten Aufsätze bei, manchmal unter Pseudonym. Wer weiß heute noch, daß sich hinter dem politischen Kommentator und Serienschreiber Johannes Fischart ein Redakteur des "Berliner Tageblattes" verbarg, Erich Dombrowski, später einer der Mitbegründer der "Frankfurter Allgemeinen"? Wer weiß noch, daß sich Friedrich Sieburg in der "Weltbühne" über den Libertinismus in den Beziehungen der Geschlechter ausließ, daß zu den Autoren Erich Kästner und Joachim Ringelnatz, Ernst Glaeser und Hermann Kasack, Ludwig Marcuse und Frank Thieß zählten, ebenso wie Alfred Döblin und Hans Fallada, Thaddäus Troll und Axel Eggebrecht, Carl Zuckmayer und Oskar Loerke, Hanns Johst und Wilhelm Hausenstein – allesamt Namen, die man landläufig nicht mit dem Etikett "Vorsicht, ein Kommunist" versehen würde. Sogar ein "Stabsoffizier" ließ sich regelmäßig in den Spalten dieses erzpazifistischen Blattes vernehmen, um die Ehre der Armee hochzuhalten.

Kurzum: die "Weltbühne" unter ihren Herausgebern Jacobsohn (er starb 1926), Tucholsky und Ossietzky war ein liberales Forum, auf dem alle wichtigen geistigen Auseinandersetzungen jener Epoche ausgetragen, alle bedeutenden Neuerungen jenes hektischen Zeitalters kritisch beleuchtet wurden. Bei einer Auflage von 15 000, in den besten Zeiten, bewahrte sie ihre Meinungsfreiheit und Überparteilichkeit, weil sie auf die Abhängigkeit von Anzeigenkunden verzichtete (Traumvorstellung aller freien Journalisten) – freilich geriet sie dabei mehrmals an den Rand finanziellen Ruins. Die tonangebenden Leitartikler und Kommentatoren waren Republikaner, sei es aus Vernunft, sei es aus Überzeugung, ihr Herz schlug links, gewiß, aber gelesen wurden ihre Beiträge bis weit ins bürgerlich-konservative Lager hinein. Wer die blaßroten Hefte im Oktavformat beisammenhat, verfügt über ein einzigartiges kritisches Kompendium – ein Spiegelbild der Weimarer Republik.

Doch warum kommt erst heute einer auf die Idee, es auch in Westdeutschland neu herauszubringen, wo es doch im ganzen Land nur drei komplette Sammlungen gibt? Es muß wohl der Respekt vor dem Monopolanspruch der Kommunisten gewesen sein, der westdeutsche Verleger – so zum Beispiel Kurt Desch im Jahre 1969 – von dem Unternehmen abschreckte. Den Verleger des Athenäum Verlages, Dietrich Pinkerneil, wurmte dieser Zustand schon lange – er hatte sich schon als zehnjähriger Knabe für die "Weltbühne" begeistern lassen, von seinem Vater, der sich als liberaler Abgeordneter des preußischen Landtages die wöchentliche literarische Gaumenfreude nie hatte entgehen lassen.