Honecker ruft die DDR-Jugend ans Gewehr – Seite 1

Entspannung bedeutet für die Ostberliner Bildungspolitiker: noch mehr "Erziehung zum Haß"

Von Joachim Nawrocki

An einem warmen Sommertag besuchte kürzlich der SED-Generalsekretär Erich Honecker einen Truppenübungsplatz nordwestlich von Berlin und ließ sich Mot.-Schützen, Panzer, Artillerie, Luftabwehr, Pioniere und Nachrichtentruppen in Aktion vorführend Die Soldaten probten nicht die Verteidigung gegen einen Gegner, wie es nach der offiziellen Militärdoktrin zu erwarten wäre, sondern sie griffen laut Neues Deutschland "einen sich verteidigenden Gegner an, der seinerseits versucht, den Durchbruch seiner Verteidigung zu verhindern". Raketen zischten durch den Himmel, Einschläge dröhnten, Hubschrauber knatterten, Panzerketten klirrten, MG-Feuer hämmerte, Granatwerfer, Kanonen und Haubitzen krachten...

Als sich der Gefechtslärm gelegt hatte, traf sich der SED-Chef mit Soldaten und Offizieren und sagte folgendes: "Im Gegensatz zu den aggressiven Kräften der Nato rasselt bei uns niemand mit dem Säbel. Wir stärken unsere Nationale Volksarmee einzig und allein im Interesse der Verteidigung des Friedens, des Sozialismus und des gesellschaftlichen Fortschritts." Da auch im Kampf gegen die "gefährlichen und heimtückischen Pläne des Imperialismus" Menschen vonnöten seien, sei es eine der wichtigsten Aufgaben aller Kommandeure und Funktionäre, "Soldatenpersönlichkeiten" zu formen. Es gebe keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, meinte Honecker, "der nicht von den Belangen der Landesverteidigung durchdrungen ist".

Die Landesverteidigung soll die Gesellschaft aber noch weiter durchdringen. Zwei Tage vor diesem Manöver erklärte Armeeminister Heinz Hoffmann bei einer Veranstaltung der Parteihochschule "Karl Marx", die Partei sehe "die sozialistische Wehrerziehung, vor allem unserer Jugend, als erstrangige, fundamentale Frage bei der Erfüllung des militärischen Klassenauftrages an, der uns vom IX. Parteitag der SED gestellt wurde". Auf diese Weise gaben Hoffmann und Honecker beiden Kirchen, die sich besorgt über die geplante Einführung des Wehrunterrichts an den Schulen der DDR geäußert hatten, eine offizielle Antwort: Vom 1. September 1978 an wird in den 9. und 10. Klassen der allgemeinbildenden Schulen das Fach "Wehrunterricht" gelehrt. Die Einwände der Kirchen, daß der Wehrunterricht ausgerechnet in einer Zeit eingeführt werden soll, in der es überall um Abrüstung und Entspannung geht, werden von der SED übergangen.

Schon auf dem Evangelischen Kirchentag in Leipzig Ende Mai hatte Bischof Hempel vor Journalisten seine Sorgen über diese Pläne kundgetan. Die Kirchenleitung hat sich inzwischen in zwei Briefen an die DDR-Regierung gewandt und sie auf die Unruhe in den Gemeinden hingewiesen. Beide Kirchen wünschen eine Erziehung zur Toleranz und zur Achtung unterschiedlicher Weltanschauungen. Eines der Ziele militärischer und vormilitärischer Ausbildung in der DDR aber ist die "Erziehung zum Haß" auf den Klassengegner. Der katholische Bischof Aufderbeck hält dagegen, daß die Kirche vom Evangelium her "niemals einer Erziehung zum Haß zustimmen" könne. In den evangelischen Kirchen der DDR wurden am Sonntag in einem Kanzelwort an die Gemeinden noch einmal Eltern und Mitarbeiter an ihre Verantwortung für die Erziehung zum Frieden gemahnt.

Die öffentlichen Einwände der Kirchenmänner kommen zehn Jahre zu spät. Denn die Einführung eines Schulfachs "Wehrkunde" ist nur die Formalisierung eines Zustandes, der längst besteht. Vormilitärische Lektionen gibt es an den Schulen seit den fünfziger Jahren. Die praktische vormilitärische Ausbildung hat die Gesellschaft für Sport und Technik (mit etwa einer halben Million Mitglieder) übernommen, die in jeder Schule Grundorganisationen unterhält.

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Bereits 1968 wurde vom Ministerium für Volksbildung eine "Aufgabenstellung" für die staatsbürgerliche Erziehung der Schuljugend verkündet, in der es heißt: "Die sozialistische Wehrerziehung der Schüler ist fester Bestandteil der klassenmäßigen Erziehung. Sie muß unter Beachtung einer interessanten, erlebnisreichen und emotional wirkenden Tätigkeit differenziert nach verschiedenen Altersgruppen der Jugend und der Kinder gestaltet werden. Es geht darum, bei den Schülern die Bereitschaft zu wecken, jederzeit die DDR, den Sozialismus zu verteidigen." Und in einer "Handreichung zur Sozialistischen Wehrerziehung", die 1974 erschien, wird erklärt: "Die Erziehung zum Haß steht demzufolge nicht im Widerspruch zu den edlen Zielen des Sozialismus. Haß ist die notwendige Konsequenz aus dem Befreiungskampf der Arbeiterbewegung und aus der Tatsache, daß die Errungenschaften der sozialistischen Staatengemeinschaft heute noch durch den Imperialismus aktiv bedroht werden."

In die Schulen der DDR hat die sozialistische Wehrerziehung und die Erziehung zum Haß also längst Eingang gefunden. Nur war sie bisher kein eigenes Lehrfach, sondern wurde praktisch in alle anderen Fächer integriert/und zwar von der Vorschule bis zur Berufsschule. In den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wird das Wehrbewußtsein herangebildet, in den naturwissenschaftlichen Fächern Militärtechnik behandelt. Im Sportunterricht lernen die Schüler militärische Körperertüchtigung, und im Sprachunterricht werden Teile der Wehrerziehung, zum Beispiel das Freund-Feind-Bild und der sozialistische Internationalismus, an Hand fremdsprachiger Texte vorgeführt. Im Musikunterricht schließlich werden "antifaschistische und antiimperialistische Massenlieder" gelehrt, die – so die erwähnte "Handreichung" – "bei der Stärkung des Willens zur kämpferischen Mitarbeit" helfen sollen. Aus einer Mathematikaufgabe zur Kreisberechnung: "Eine 200-kg-Napalmbombe verwandelt in ebenem Gelände eine annähernd kreisförmige Fläche von rund 2000 qm in ein zusammenhängendes Flammenmeer (Hinweis: Napalm ist durch Zusatz von Fettsäuren eingedicktes Benzin. Die USA-Imperialisten setzten im Korea- und Vietnamkrieg Napalm gegen die Bevölkerung ein)."

Bereits 1969 und 1970 wurden durch mehrere Vereinbarungen und Direktiven die sozialistische Wehrerziehung und die vormilitärische Ausbildung an den erweiterten Oberschulen und Spezialschulen, in der Lehrlingsausbildung sowie an den Universitäten, Hoch- und Fachschulen verbindlich geregelt. Auch Organisationen wie die Gesellschaft für Sport und Technik, der Jugendverband FDJ und das Deutsche Rote Kreuz der DDR wurden in das System der Wehrerziehung einbezogen. Dabei wird klar erkannt, daß die Wehrerziehung eine psychische und eine physische Seite hat. Die Wehrerziehung zielt, so heißt es, auf "die Entwicklung sowohl der Bereitschaft als auch der Fähigkeit eines jeden DDR-Bürgers, das sozialistische Vaterland mit der Waffe erfolgreich zu verteidigen". Wehr bereitschaft: das ist die ideologische Ausrichtung auf die militärpolitischen Ziele der SED. Wehrfähigkeit: das ist die Entwicklung körperlicher Leistungskraft und technischen Wissens.

Der Wandel in der Wehrerziehung der DDR ist unzweideutig von Honeckers Handschrift geprägt. Während unter Walter Ulbricht alles nicht ganz so ernstgenommen wurde und die vormilitärische Ausbildung noch eher einem großen Geländespiel glich, wird seit Honeckers Macht-

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antritt das System der Wehrerziehung ständig ausgebaut und perfektioniert. Er hat die ideologische Erziehung, also die Entwicklung der Wehrbereitschaft, in den Vordergrund gerückt, obwohl auch die Vermittlung körperlicher Fertigkeiten und militärischer Kenntnisse systematisch betrieben wird.

Von der ideologischen Wehrerziehung sollen bereits die kleinsten DDR-Bürger erfaßt werden. So liest man in einem Pädagogik-Aufsatz aus der DDR: "Wer die sozialistische Wehrerziehung vernachlässigt oder bestimmten Gruppen von Kindern vorenthält, mindert die Persönlichkeitsformung junger Sozialisten und schadet der sozialistischen Gesellschaft. Darum ist die sozialistische Wehrerziehung in der Vorschulerziehung und in allen Stufen der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule, in Erweiterten Oberschulen, Spezial- und Berufsschulen zum festen Bestandteil der sozialistischen Erziehung zu machen. Auch die Mädchen wollen ihre Liebe zum sozialistischen Vaterland und ihr Bekenntnis zum proletarischen Internationalismus mit ihrer Bereitschaft zum Schutz des Sozialismus beweisen."

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Die Einbeziehung der Mädchen in die vormilitärische Ausbildung hat noch einen anderen Grund. Man hat festgestellt, daß die Mädchen vielfach einen längeren Wehrdienst ihrer Freunde ablehnen und damit die Bereitschaft der Jungen zum Wehrdienst "zum Teil sogar hemmen". Deshalb sollen auch die Mädchen von der Notwendigkeit der Wehrbereitschaft überzeugt werden, denn dies "trägt auch dazu bei, das sozialistische Wehrmotiv bei den künftigen Soldaten unserer NVA zu vertiefen".

Interessant an diesen Argumenten ist, daß die Wehrerziehung selbst kleiner Kinder nicht gegen diejenigen verteidigt wird, die bei dieser Manipulation Skrupel empfinden. Vielmehr wird der Spieß umgedreht und behauptet, daß diejenigen Erzieher und Eltern, die ihre Kinder nicht zu Kampf und Waffengebrauch drillen wollen, die Persönlichkeitsentfaltung der jungen Menschen behindern. Bezeichnend dafür ist eine Antwort auf eine Leseranfrage der Frauenzeitschrift Für Dich aus dem Jahre 1976. Eine Mutter wollte wissen, ob sie ihrem vierjährigen Kind eine Spielzeugpistole, die es von Verwandten geschenkt bekommen hatte, nicht wieder wegnehmen solle; das Kind könne ja noch nicht begreifen, daß Waffen sowohl dem Schutz des Staates dienen als auch von Verbrechern und Aggressoren mißbraucht werden könnten.

Im Kindergarten fängt es an

Eine Diplompädagogin antwortete, Kinder wollten ganz natürlich ihre Umwelt nachgestalten. Sie kennen Polizisten und Soldaten und wissen auch, daß diese die Heimat schützen. Deshalb könne ein Kind in Konfliktsituationen kommen, wenn es "durch Verbote oder abfällige Bemerkungen" daran gehindert werde, das militärische Leben im Spiel nachzugestalten. Daraus könnten dann negative Haltungen gegenüber der vormilitärischen Ausbildung und dem "Ehrendienst in der NVA" entstehen. Deshalb, so die Zeitschrift Für Dich, müsse auch schon den Kindern ein altersgemäßes Freund-Feind-Bild vermittelt werden, und deshalb sei es auch wichtig, daß Jungen und Mädchen mit militärischem Spielzeug umgehen.

Getreu dieser Devise, daß die Menschen der DDR von Kind auf zu "Kämpferpersönlichkeiten" mit festem Klassenstandpunkt und klarem Feinbild erzogen werden sollen, sind Wehrkunde und vormilitärische Ausbildung fester Bestandteil aller Lehrpläne vom Kindergarten bis zum Hochschulstudium. Im Erziehungsplan für Kindergärten wird verlangt, daß den Kleinen klarzumachen sei: "Soldaten sind auch Arbeiter, sie schützen die Menschen und deren Arbeit und wachen darüber, daß wir fröhlich spielen." Im Rahmenplan für die erste Klasse heißt es: "Bei den Geländeübungen und -spielen erwerben die Kinder einfache touristische und militärische Kenntnisse und Fertigkeiten." Im Lehrplan für das Fach Heimatkunde in der 2. Klasse steht? "Die Schüler gedenken der an der Staatsgrenze ermordeten Angehörigen der NVA."

So geht es weiter durch alle Klassenstufen: Liebe zur NVA und zur Sowjetarmee, Haß auf die Bundeswehr und die übrigen "imperialistischen" Armeen, marxistisch-leninistische Lehre vom Krieg, Ausprägung des sozialistischen Wehrmotivs, vormilitärische Grundausbildung, Schießen, Sanitätsausbildung, militärische Disziplin und Ordnung, Wehrsport, Wettkämpfe, Geländeübungen – dies und ähnliches findet man in allen Lehrplänen der DDR-Schulen.

Für Lehrlinge im ersten Lehrjahr ist eine ein- bis zweiwöchige militärische Grundausbildung obligatorisch. Einzelheiten beschrieben zwei Lehrer der Betriebsschule des VEB Kombinat Lausitzer Glas in Weißwasser, Willy Rogenz und Egon Schmittmann, in der Zeitschrift Berufsbildung: Die kontinuierliche vormilitärische Ausbildung der Lehrlinge wird demnach "als wichtigste Voraussetzung für die planmäßige und programmtreue Ausbildung angesehen". Wörtlich heißt es dazu:

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"Beispielsweise reisen Lehrlinge, die einen Lehrgang des berufspraktischen Unterrichts in ihrem Heimatbetrieb in Olbernhau, Dresden oder Berlin absolviert haben, am Sonntag an, nehmen am Montag an der vormilitärischen Ausbildung teil und setzen dann am Dienstag den theoretischen Unterricht fort. Wir verwirklichen damit das Prinzip, die vormilitärische Ausbildung über die gesamte Lehrzeit verteilt auf der Grundlage der Ausbildungsprogramme durchzuführen. Am ‚Tag der Wehrbereitschaft‘ erhalten die männlichen Lehrlinge des ersten Lehrjahres die vormilitärische Grundausbildung und des zweiten Lehrjahres die vormilitärische Ausbildung für die Laufbahn des Mot.-Schützen der NVA. Für letztere hat sich ebenfalls der monatliche Ausbildungstag gut bewährt. An unseren Betriebsschulen sind mehr als die Hälfte der Lehrlinge Mädchen. Für sie findet am monatlichen "Tag der Wehrbereitschaft’ die Sanitätsausbildung beziehungsweise Zivilverteidigungsausbildung statt."

In gleicher Weise ist für Schüler der 11. Klassen an den Erweiterten Oberschulen eine vormilitärische Ausbildung und eine Sanitätsausbildung obligatorisch. Während der Sommerferien werden in einem zwölftägigen Lehrgang Schüler und Schülerinnen in Lagern der Gesellschaft Sport und Technik (GST) und der Zivilverteidigung gedrillt. Zuvor wird jeweils an der Schule ein "Tag der Bereitschaft" veranstaltet, an dem die Teilnahme ebenfalls Pflicht ist.

Für die Schüler der 9. und 10. Klassen ist die vormilitärische Ausbildung – von der integrierten Wehrerziehung in den Pflichtfächern abgesehen – formal noch freiwillig. Dafür werden Arbeitsgemeinschaften zum Thema Wehrausbildung organisiert, in denen Jungen und Mädchen getrennt in "Ausbildungszügen" zusammengefaßt werden. Auf dem Programm stehen Grundfragen der Landesverteidigung, Geländeausbildung, Schießausbildung, Schutzausbildung und Sanitätsausbildung. In der 9. Klasse sind dafür 60 Stunden, in der 10. Klasse 40 Stunden vorgesehen. Ausbildungsleiter sind meist Angehörige der Volksarmee und Reservisten.

Die vormilitärische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen wird nicht allein von den Lehranstalten organisiert; sie werden: dabei unterstützt von der Nationalen Volksarmee, der Zivilverteidigung, der Gesellschaft Sport und Technik, der Freien Deutschen Jugend und der Pionierorganisation "Ernst Thälmann". Die FDJ, der rund zwei Drittel aller Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren angehören (1,9 Millionen Mitglieder), veranstaltet zum Beispiel alljährlich an den Schulen die wehrsportlichen "Hans-Beimler-Wettkämpfe". Dazu gehören "Kampfmeetings", wehrpolitische Veranstaltungen, militärpolitische Diskussionen, Kraftsportkampf und ein "Marsch der Bewährung". Die Besten werden mit Ehrenabzeichen und Ehrenwimpel belohnt. Diese Wettkämpfe sollen einen "nahtlosen Übergang zur vormilitärischen Ausbildung der Gesellschaft für Sport und Technik" schaffen. Die jüngeren Schüler sind in der Pionierorganisation zusammengefaßt. Die Thälmann-Pioniere zählen fast zwei Millionen Mitglieder, mit anderen Worten: die Schüler der 1. bis 7. Klassen gehören fast ausnahmslos dieser Organisation an. In Pionierlagern und Ferienlagern werden Geländespiele inszeniert, und regelmäßig ziehen Hunderttausende von Kindern in die großen Pioniermanöver.

Die Absicht der Partei- und Staatsführung, vom 1. September 1978 an auch in den 9. und 10. Klassen Wehrunterricht einzuführen, zeigt, daß sie weiterhin zielbewußt die militaristische Erziehung ausbauen will. Da viele Jugendliche dieser Klassen es anscheinend bisher verstanden haben, sich den mehr oder weniger freiwilligen Arbeitsgemeinschaften für "Wehrausbildung" zu entziehen, sollen sie nun dazu verpflichtet werden. Vorgesehen sind zusätzlich zum bisherigen Unterrichtsplan – der schon etliche militärkundliche Elemente in allen Fächern enthält – vier Doppelstunden im Jahr, in denen theoretischer Unterricht über ideologische Fragen der Landesverteidigung, Militärpolitik und Wehrkunde erteilt wird.

Mit vierzehn ins Feldlager

Ferner sind am Ende jedes Unterrichtsjahres zweiwöchige Lehrgänge geplant. Nach einer Übergangszeit, die durch das Fehlen entsprechender Lager und Ausbilder bedingt ist, soll es von 1983 an – wie eine Studie der ostdeutschen CDU erläutert – "die Regel sein, daß die Mädchen den Zivilverteidigungslehrgang an der Schule, die Jungen das vormilitärische Lager besuchen". Obligatorisch soll zwar nur der Kurs in Zivilverteidigung sein. In den militärischen Lagern, an denen teilzunehmen formell freiwillig bleibt, wird es neben militärischem Drill auch Schießübungen geben.

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Die Militarisierung des gesamten Lebens in der DDR – vom Kindergarten bis zum Rentnerdasein, vom Geländespiel bis zum Arbeiterschützenfest – hat offenkundig ideologische Gründe, sofern man nicht davon ausgehen will, daß sich die DDR systematisch auf einen Krieg vorbereitet. Die Bürger der DDR sollen in jedem Lebensalter eingebläut bekommen, daß im Westen ein heimtückischer Gegner, ein gefährlicher Feind lauert. Die Folgen der Entspannungspolitik, die häufigere Begegnung mit Deutschen aus der Bundesrepublik und ihren politischen Ansichten, sollen auf diese Weise konterkariert werden. Die Schlußfolgerung ist, daß die Verteidigungs- und Wehrbereitschaft der Jugend gestärkt werden muß: Entspannung zwingt zu erhöhten Verteidigungsanstrengungen.

Aus diesem Weltbild erklärt sich auch, daß die SED die "Arbeitsgruppe Wehrerziehung" im Zentralkomitee der Partei anscheinend in diesem Frühjahr in den Rang einer ZK-Abteilung erhoben hat. Der bisherige Leiter der Arbeitsgruppe, Oberst Dr. Werner Hübner, ist jedenfalls nach Angaben der SED-Zeitschrift Einheit zum Abteilungsleiter des Zentralkomitees avanciert. Auch dies dokumentiert die Bedeutung, welche die SED der vormilitärischen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen beimißt.

So wird die Partei- und Staatsführung der DDR wenig Verständnis für die Bedenken der Kirchen aufbringen, die gegen ein Pflichtfach Wehrkunde, erhoben werden (siehe Kasten nebenan). Nach Angaben des Magdeburger Bischofs Krusche hat das von der Kirche erbetene Gespräch mit der Regierung am 1. Juni 1978 stattgefunden, und zwar mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen, Hans Seigewasser. Dabei habe die Kirche das Recht des Staates anerkannt, für die Verteidigungsbereitschaft seiner Bürger einzutreten. Die Erziehung zum Frieden müsse aber Vorrang haben. Die Herabsetzung des Alters für vormilitärische Erziehung auf 14 Jahre stoße auf große Bedenken der Kirche. Diesen Bedenken hat Seigewasser entgegengesetzt, daß die Maßnahmen des Staates im Rahmen der Friedenspolitik der DDR und der sozialistischen Staaten gesehen werden müßten. Es gehe um die Erziehung zur Wachsamkeit gegenüber der zunehmenden Bedrohung durch friedensfeindliche politische Kräfte. Man habe die Sorgen der Kirche zur Kenntnis genommen, halte aber die Einführung des Pflichtfaches Wehrkunde wie geplant für notwendig, sagte Seigewasser.

Der Staat bleibt auf seinem geharnischten Weg. Die Bemühungen der SED um ein besseres Verhältnis zur Kirche haben die Kompromißbereitschaft der Partei nicht gefördert. Der Militarismus in der DDR wird auch gegen den Widerstand der Bischöfe weiter perfektioniert.