Von Lucas Koch

Anstrengende sechs Stunden Flugzeit von Ostberlin nach Damaskus, einst das Paradies auf Erden, liegen hinter uns. Von der alten Herrlichkeit ist allerdings auf den ersten Blick Wenig zu spüren. Riesige Baukräne überragen halbfertige Betontorsos, daneben trotzen noch ein paar jahrhundertealte Lehmhütten der Modernisierung.

Um den ernüchternden Eindruck loszuwerden, steuern wir die Altstadt an, wo der tiefe Orient, wie ihn sich die Europäer vorstellen, noch nicht wegsaniert wurde. Ohrenbetäubendes Autogehupe, Marktgeschrei und die Gebetsrufe der flämischen Muezzins lassen uns kaum das eigene Wort verstehen. Wir geraten in den Sog der Suks (Basare). Bluttropfende Schafskadaver zur Rechten, fremde Frucht- und Gemüsesorten und Berge von Fladenbroten zur Linken, vorbei an hämmernden Gold- und Tablettschmieden – dann sind wir mittendrin. Eifrige Teppich-, Tuch- und Antiquitätenhändler identifizieren uns sofort als Touristen. Kaum können wir uns der Kaffeeeinladungen erwehren, die uns zum Kauf animieren sollen. Über all diesem Trubel erhebt sich das bedeutendste Bauwerk der Stadt, die Omajadenmoschee, die eine von Christen und Moslems gleichermaßen verehrte Reliquie birgt: das Haupt von Johannes dem Täufer.

Wir haben einen schlechten Termin für den Damaskusbesuch gewählt. Die Stadt quillt über von islamischen Wallfahrern, persischen und irakischen Schiiten, die zum Mausoleum von Site Zeinab wollen, der Grabstätte von Mohammeds Enkelin. Wir sind schließlich froh, für 40 Mark ein sehr mittelmäßiges Doppelzimmer gefunden zu haben und nehmen dafür schmuddelige Bettwäsche und verstopfte Toiletten in Kauf. An wenig Komfort werden wir uns gewöhnen müssen. Außer in Damaskus und Aleppo, Syriens zweitgrößter Stadt im Norden, gibt es im ganzen Land kaum Hotels, die europäischen Ansprüchen genügen. Tourismus wird in Syrien kleingeschrieben. Wirtschaftliche und soziale Probleme haben bislang Vorrang. Doch die freundliche Art der Syrer macht den Mangel wieder wert.

Von Damaskus aus unternehmen wir Ausflüge nach Bosra, um uns das Amphitheater anzusehen, und nach Maalula, einem der schönsten Felsendörfer Syriens, 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Schon auf der Fahrt nach Bosra stellt sich für uns wie in ganz Syrien das Beförderungsproblem. Da es keine Autos zu mieten gibt, ist man entweder auf Taxis angewiesen, die auch auf längeren Strecken nicht so billig sind, wie oft behauptet wird, oder man bedient sich der Busse. Zuverlässig und bequem sind die Reisebusse der staatlichen Karnak-Linie. Plätze sollte man mindestens einen Tag vorher buchen. Wer auf der Fahrt jedoch etwas erleben möchte, sollte zumindest einmal die öffentlichen Busse benutzt haben. Sie fahren zwar nach dem Motto „Wenn wir voll sind, fahren wir ab“, doch dafür hat man die Gewißheit, nur mit Einheimischen zu reisen, die mit viel Hallo, Geschrei und Gesang für allerhand Unterhaltung sorgen. Beladen mit ganzen Hausratseinrichtungen, gackerndem Federvieh, Weinfässern und Unmengen von Lebensmitteln nimmt der hoffnungslos überladene Bus seine Fahrt auf. Wir werden sofort von Neugierigen umdrängt, die darauf brennen zu erfahren, wo wir herkommen. „Ah, aus Deutschland“, und die Menschen werden noch freundlicher. Rotwein und selbstgebackenes Fladenbrot machen die Runde.

Von Bosra lohnt sich übrigens ein Abstecher nach Shaba. In einem versteckt gelegenen Museum sind wunderschöne spätantike Mosaiken zu sehen, die ich bisher in keinem Reiseführer erwähnt gefunden habe.