/ Von Heinrich August Winkler

Soll man mit Achselzucken darüber hinweggehen, wenn die Bundesrepublik Deutschland von einigen ihrer Kritiker als faschistisches Staatswesen bezeichnet wird? Ist die Verblendung derer, die so reden, zu offenkundig, als daß es sich noch lohnt, sachliche Gründe dagegen vorzubringen?

Die Gefahren einer solchen intellektuellen Resignation liegen auf der Hand. Die Verharmlosung des wirklichen Faschismus, die mit dem, inflationären Gebrauch dieses Begriffs einhergeht, ist selbst keineswegs harmlos. Sie kann im Extremfall individuellen Terror begründen helfen: Ist ein System erst als faschistisch oder doch wenigstens faschistoid „entlarvt“, darf es auch entsprechend bekämpft werden.

Vor dem Extremfall liegt eine Reihe von anderen Möglichkeiten: von der „großen Verweigerung“ bis zur Bereitschaft, den vermeintlichen faschistischen Teufel mit dem nur halb entstalinisierten Beelzebub auszutreiben. Es sind nicht wenige, die ein falscher Faschismusbegriff zu einem falsch verstandenen Antifaschismus führt. Eben darum ist es notwendig, sich mit den Faschismusdeutungen der „Neuen (und der nicht mehr ganz so neuen) Linken“ auseinanderzusetzen.

Erste These: Weil die marxistische Theorie den Faschismus allein aus dem Kapitalismus ableiten will, begibt sie sich, der Möglichkeit, zu erklären, weshalb in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1939 bestimmte kapitalistische Gesellschaften faschistisch wurden und andere nicht und warum der Faschismus nach dem Ersten Weltkrieg viel größere Chancen hatte als nach dem Zweiten.

Nach wie vor fehlt eine überzeugende marxistische Begründung dafür, weshalb Deutschland das einzige hochindustrialisierte Land war, das während der Weltwirtschaftskrise sein demokratisches System zugunsten einer faschistischen Diktatur aufgab. Die Vereinigten Staaten von Amerika, von der Krise insgesamt nicht minder hart betroffen und gewiß nicht weniger „monopolkapitalistisch“ als das Deutsche Reich, antworteten auf die gesellschaftliche Herausforderung der Jahre nach 1929 mit den Reformprogrammen des New Deal. Faschistische Bewegungen kamen nur dort an die Macht, wo es noch starke vorindustrielle Kräfte in der „Machtelite“ gab – Großgrundbesitzer, Militär, zum Teil auch die Kirche –, die sich konservativen Unternehmergruppen als politische Verbündete im Kampf gegen die Arbeiterbewegung anboten, und wo die ländlichen und städtischen Mittelschichten sowenig in das liberale politische System integriert waren, daß sie zur Massenbasis einer antiparlamentarischen Bewegung werden konnten. Erfolg haben konnte der Faschismus mithin nur in Gesellschaften, die einerseits bereits einen erheblichen Grad der Industrialisierung erreicht hatten, anderseits aber politisch noch stark von den Machtverhältnissen des vorindustriellen Zeitalters geprägt waren.

Das war der Fall in Deutschland und in dem industriell freilich sehr viel weniger entwickelten Italien – und es sind dies die einzigen Länder, in denen man von autonom an die Macht gekommenen „faschistischen Regimen“ sprechen kann. Aber neben Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland auch wesentliche Unterschiede. Der extreme Antisemitismus der Nationalsozialisten etwa bildete eine deutsche Besonderheit. Der Nationalsozialismus war auch Faschismus, aber er geht in einem allgemeinen Faschismusbegriff nicht auf. Wird der Nationalsozialismus nur als deutscher Faschismus verstanden, so wird er verharmlost.