Von Dieter Buhl

Ihrem Mann wird häufig Wankelmut angekreidet, Rosalynn Carter aber hat diesen Vorwurf bisher noch nicht zu hören bekommen. Im Gegenteil: Sie steht im Rufe, zu fest auf den Geleisen zu verharren, ihren Weg zu unbeirrt und bestimmt zu gehen. Zu denen, die die Standfestigkeit Mrs. Carters irritiert, zählt nun auch Alexander Solschenizyn. Ihm hat die First Lady in der vergangenen Woche die Leviten gelesen. Sie konterte das Klagelied des Dichters über die Schlappheit der Amerikaner mit der Feststellung: "Die Menschen in diesem Lande sind nicht schwach, nicht feige und leiden nicht unter spiritueller Auszehrung." Das Publikum stimmte ihr zu.

Und was für ein Publikum: Der Nationale Presseclub in Washington, und der zählt gemeinhin nicht zu den Foren, auf denen Präsidentengattin Furore machen. Seit Eleanor Roosevelt vor 40 Jahren ihre Landsleute am gleichen Ort gegen die Unterstellung verteidigte, sie suhlten sich im Wohlstand, hatte sich keine der Damen aus dem Weißen Haus mehr dorthin gewagt Was hätten sie den auf Politik fixierten Korrespondenten auch schon erzählen können? Nach gängiger Vorstellung widmen sich die Frauen der Präsidenten ohnehin nur Kindern, Küche, Cocktailpartys und, wenn es hochkommt, mit weißen Handschuhen der Fürsorge der Unterprivilegierten.

Bei Rosalynn Carter waren die hartgesottenen Journalisten allerdings von vornherein auf anderes gefaßt. Schließlich hat die ehemalige Farmersfrau aus dem Süden, seit sie vor anderthalb Jahren in das Weiße Haus einzog, immer wie? der klargemacht, daß sie dort nicht nur die traditionelle Damenrolle spielen werde. Vielmehr folgte sie ihrem Motto: "Es gibt keine Grenzen für das, was ich tun kann." Wie ernst sie ihre grenzenlosen Möglichkeiten nimmt, hat Mrs. Carter inzwischen oft genug bewiesen. Mit offiziellen Auslandsreisen, als Ratgeberin am Kabinettstisch und eben auch durch ihren Auftritt vor dem Nationalen Presseclub.

Ihre vielfältigen Aktivitäten wecken nicht nur Zustimmung. Zum einen muß sie gegen die Vorurteile ankämpfen, mit denen alle Frauen zu schaffen haben, die sich in der Männersache Politik engagieren. Zum anderen heißt es aber auch hinter vorgehaltener Hand: Wer hat sie eigentlich gewählt? Niemand, natürlich. Aber fest steht auch, daß Jimmy Carter ohne ihre Hilfe nicht Präsident geworden wäre. Rosalynn war seine beste Wahlkämpferin. Den Kritikern an ihrem Eifer hält sie deshalb entgegen, niemand kenne den Präsidenten besser als sie, weshalb auch niemand besser geeignet sei, ihn zu beraten.

Rosalynn Carter will nicht bloßes Anhängsel ihres Mannes sein, sondern seine extension, zu deutsch sein anderes Ich. Im Weißen Haus wird ihre Rolle als wichtigste Ratgeberin Carters längst nicht mehr bestritten. "Jedesmal, wenn ich glaube, daß der Präsident auf einen falschen Kurs geht, und ich mit ihm streite", gibt Hamilton Jordan, einer der einflußreichsten Männer im Weißen Haus zu, "versuche ich, sie auf meine Seite zu ziehen." Rosalynn Carter bieten sich genügend Gelegenheiten, dem Präsidenten ins Gewissen zu reden. Was sie nicht beim trauten Zwiegespräch in den Privaträumen des Weißen Hauses regeln kann, bringt sie beim wöchentlichen Arbeitslunch zur Sprache. Sie hat das Routinetreffen in Carters Terminkalender bugsiert, weil sie ihn nicht jeden Abend mit dienstlichen Fragen überfallen will.

Doch Mrs. Carters Ratschläge ernten nicht immer Lob. Zwar wird ihr hoch angerechnet, daß sie den Ehemann dazu überreden konnte, Walter Mondale zu seinem Teamgefährten zu küren. Aber ihr wird beispielsweise schlechter Rat bei der Lance-Affäre angekreidet. Jimmy Carter behielt auf ihr Drängen den hochverschuldeten Budgetdirektor länger im Amt, als mit dem hohen moralischen Anspruch seiner Administration zu vereinbaren war.