Da kann man ja gleich Gutenbergs Ahnen aufsuchen! Im Grunde ist das eine Unsitte,“ antwortete Verlagsleiter Martin Oesch auf die Frage, ob sein Haus, der Hildesheimer Gerstenberg-Verlag, dem Karl-Baedeker Verlag in Freiburg eine Lizenzgebühr zu zahlen gedenke. Das mögliche Streitobjekt, der Nachdruck eines Reiseführers von 1828, existiert indes, noch nicht. Gerstenberg hat das Buch zwar angekündigt, es wird aber frühestens Anfang nächsten Jahres erscheinen: die „Rheinreise von Mainz bis Köln, Handbuch für Schnellreisende“, von Professor J. A. Klein.

Dieses Buch wurde sozusagen die Urzelle für alle „Baedekers“. Der junge Verleger Baedeker erwarb den Koblenzer Verlag Rohling und damit auch die Rechte an dem Klein-Buch. Nach des Autors Tod überarbeitete Baedeker das Buch und ließ es zur Auflage unter seinem Namen (als Bearbeiter) erscheinen. Diese Version von 1849 ist jetzt als Reprint erschienen:

Karl Baedeker: Rheinreise von Basel nach Düsseldorf. Nachwort von Peter Baumgarten. 377 Seiten, 15 Abbildungen, 2 Karten. 14,80 Mark. Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 29, Harenberg, Dortmund.

Karl Baedeker, dem Urenkel und heutigen Verlagschef in Freiburg, kam die Dortmunder Neuerscheinung nicht ganz passend. Er plante selber einen Nachdruck dieses Buches nachdem sich ein Reprint des „Handbuches“ fur Reisende in Deutschland und dem österreichischen Kaiserstaate“ als erfolgreich erwies.

Baedeker wurde aber mit Harenberg handelseinig. Die Dortmunder zahlen fünf Prozent vom Verkaufspreis als Lizenzgebühr nach Freiburg, dort wird, getreu der Devise „Baedekers von Baedeker“, überdies ein Teil der Auflage ausgeliefert. Und so ist Karl Baedeker denn auch zufrieden: „Mir ist es nicht unlieb, daß es nun in einer guten Taschenbuchreihe und zu volkstümlichen Preisen erschienen ist.“

Es wird ihm auch lieb sein, weil hier womöglich ein Präzedenzfall geschaffen wurde, der dem Unwillen der Hildesheimer, Lizenzen abzuführen, entgegensteht. Laut Urheberrecht enden die Schutzrechte eines Autors und seiner Erben siebzig Jahre nach dem Tod des Autors. Demzufolge könnte heutzutage jeder alte Baedekerbände nachdrucken. Karl Baedeker ist jedoch der Auffassung, hier müsse ein anderer Maßstab angelegt werden, da Autor und Verleger identisch seien und der Verleger, respektive sein Verlag, – diese Rechte immer noch selber wahrnehme.

Im Freiburger Verlagshaus kann man auch auf ausländische Nachdrucke verweisen: Die entsprechenden Verlage in Großbritannien, den USA und in Israel führen ebenfalls Lizenzbeträge ab. Und ein Berliner Bankhaus, daß vor einigen Jahren eine bibliophile Edition des Berlin-Führers von 1880 als Präsent für seine Kunden anfertigen ließ, gab Baedeker eine Reihe von Exemplaren zum Verkauf. Dieses Geschenk zeigt übrigens, daß sich Faksimile-Reprints durchaus lohnen. Der von Baedeker seinerzeit verkaufte Teil der Auflage kostete rund 50 Mark je Buch. Nun bietet ein Antiquariat den Nachdruck für 280 Mark an.