Mehr Gerechtigkeit für geschiedene Frauen?

Von Eva Marie von Münch

Über eins sei dir klar, mein Kind“, sagte meine Urgroßmutter meiner Mutter, als sie ihr Staatsexamen bestanden hatte: „Deine Heiratschancen verbessert das nicht.“ Ganz selbstverständlich ging sie davon aus, daß für ihre Enkelin eine „passable Heirat“ das einzig erstrebenswerte Lebensziel sei. Eine Berufsausbildung für Mädchen? Unweiblich, mindestens aber überflüssig – Mädchen heiraten ja doch und sind dann „natürlich“ Hausfrau.

Auch das Ehe- und Scheidungsrecht des BGB orientierte sich bis vor einem Jahr an diesem Bild. Die verheiratete Frau hatte in erster Linie den Haushalt zu führen, dem Mann oblag es, im Beruf den Unterhalt für die Familie zu verdienen. Sofern eine Ehefrau sich an ihre ehelichen Pflichten hielt, garantierte das Gesetz ihr dafür eine Versorgung auf Lebenszeit. Hielt sie sich nicht an ihre Pflichten, waren die Folgen allerdings bitter: schuldig geschieden zu sein war für eine Hausfrau nach dem alten Recht gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer gesamten Existenz; wenn sie ohne Berufsausbildung oder nach Jahren familienbedingter Berufsunterbrechung keinen Arbeitsplatz fand, stand sie ohne einen Pfennig auf der Straße. Anders der Mann: Auch wenn er schuldig geschieden war und deshalb Unterhalt zahlen mußte, konnte er mit seinem beruflichen Einkommen immer selbst für sich sorgen.

Das neue Familienrecht – vor einem Jahr in Kraft getreten – basiert auf der Erkenntnis, daß die Frage nach der Scheidungsschuld in sehr vielen Fällen nicht beantwortet werden kann, und auf der Annahme, daß die Hausarbeit der Frau der Berufstätigkeit des Mannes gleichwertig ist und folglich auch bei der „schuldig“ geschiedenen Hausfrau nach der Ehe nicht – wie im alten Recht – folgenlos unter den Tisch fallen sollte.

Im neuen Paragraphen 1969 BGB steht deshalb: „Kann ein Ehegatte nach der Scheidung nicht selbst für seinen Unterhalt sorgen, so hat er gegen den anderen Ehegatten einen Anspruch auf Unterhalt nach den folgenden Vorschriften.“ Die „folgenden Vorschriften“ konkretisieren den Anspruch: Wer gemeinsame Kinder erzieht, wer zu alt oder zu krank ist, um zu arbeiten, wer keine „angemessene Erwerbstätigkeit“ finden kann, wer wegen der Ehe eine Ausbildung versäumt oder abgebrochen hat oder von wem aus „sonstigen schwerwiegenden Gründen eine Erwerbstätigkeit nicht erwartet werden kann“, hat einen Unterhaltsanspruch gegen den geschiedenen Ehepartner. Sogar eine Berufsausbildung kann man auf Kosten des unterhaltspflichtigen Ehepartners .nachholen. Auf das Verschulden beim Scheitern der Ehe kommt es nicht an. Kein Zweifel: diese Vorschriften beabsichtigen eine drastische/Verbesserung der finanziellen Situation vor allem der geschiedenen Hausfrauen.

Den Männern – soweit sie die allein oder doch besser Verdienenden in einer Ehe sind – ist deshalb meistens heute auch klar, daß sie nach einer Scheidung zahlen müssen. Zwei Fragen sind es, die in den Beratungen mit einem Anwalt jetzt eine zentrale Rolle spielen: