ARD und ZDF: Kommentare zur Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien

In den vergangenen Wochen wurde das Personal unserer Fernsehanstalten durch eine Figur bereichert, die bislang nur in der Hotelbranche oder in der Literatur tätig war. Gemeint ist jener von Heinrich Böll als „Nicker“ bezeichnete Mensch, der während der Mahlzeiten im Restaurant von Tisch zu Tisch geht, sich verneigt und den Herrschaften einen recht guten und gesegneten Appetit wünscht.

Dieser Nicker nämlich waltete in den Tagen der Fußballweltmeisterschaft im Studio seines Amtes – und wie er waltete! Was immer auch in Argentinien geschah, zwischen dem Anpfiff des Polen- und dem Abpfiff des Österreich-Spiels: auf unsere Nicker war Verlaß. Nicht nur die Schön-Interviewer vom Bau, sondern auch die werten Gaste daheim, Wolfgang und Udo (der Trainer, nicht der Tonkünstler), Uwe und Karl-Heinz, taten das ihre Sie nickten. Die Kommentatoren durften unbesorgt sein. Solange die Verbeugungs-Künstler von der Partie waren, konnte nicht das Geringste geschehen. „Fanden Sie nicht auch, Uwe, daß es im Mittelfeld gehapert hat?“ „Ja, das ist richtig. Das Mittelfeld wurde nicht schnell genug überbrückt.“ „Und Sie, Wolfgang, was denken Sie?“ „Ich glaube, der Uwe hat recht. Wir hielten uns zu viel im Mittelfeld auf.“ Oder: „Ein echt südamerikanisches Spiel.“ „Genau. Die kämpfen um jeden Zentimeter Boden da drüben.“ „Ja, das tun sie. Südamerikanisch eben.“

So ging das um halb sechs, so ging’s um halb neun – und wenn man sein Gerät um Mitternacht wieder einschaltete (was sollte einer schon versäumen, in der Zwischenzeit?), dann saßen der oder die Nicker noch immer in ihren Studio-Sesseln und sagten „jawohl“ und „genau“, wie das deutsche Kicker-Nicker nun einmal gewohnt sind – im Gegensatz zu den Holländern etwa: Die nämlich waren ganz schön keß! Traten mir nichts dir nichts unmittelbar nach dem Spiel vor die Kameras – womöglich, ohne den Trainer vorher um Erlaubnis gefragt zu haben!

Bei uns hingegen – kein entschiedenes Wort der Kritik (allenfalls behutsam-diplomatische Fragen: „Wäre es am Ende doch besser gewesen, wenn Cullmann und Zewe...“), kein Rechenschaftsfordern im Angesicht des Präsidenten (die skandalöse Rudel-Visite!) und kein besonnenes Nachfragen im Gespräch mit dem Trainer: Stramm und stumm saß der Reporter auf seiner Bank, als der Nationalmannschafts-Coatch sich nach dem Tunesien-Spiel die Kritik von der Tribüne verbat: „Tunesien war der erwartet starke Gegner“ – das klang gerade so, als ob Jimmy Carter die Großmacht Luxemburg beschwor! Er müsse es ja schließlich am besten wissen, der Herr Schön, sagten die Studio-Nicker, das Geschehen auf dem Rasen sehe vom Spielfeldrand nun einmal anders aus als vor dem Bildschirm, und darum möge man der Leitung und den Spielern vertrauen: gebe doch jeder da drüben sein Bestes.

Kein Wunder also, daß die Studio-Nicker, die sogenannten Experten, mit ihrem Obernicker, dem Kommentator in der Sendezentrale, zwar eine Kritik im allgemeinen („Ich finde, es – es! – landen zu viele Pässe beim Gegner“), aber nur in Ausnahmefällen ein parteiliches Engagement im speziellen und konkreten zuließen. Da mochten einzelne noch so sehr schnaufen, tändeln oder holzen: Ihr Versagen wurde nur unter sofortiger Hinzufügung von bisher gewonnenen Verdiensten („vergessen wir nicht, daß A jahrelang ...“) und vielfältigen Entschuldigungsgründen ein Debakel genannt: „Der Rainer laboriert halt immer noch an seiner Verletzung. Dazu die persönliche Belastung, wegen der Spanien-Pläne, das ist einfach zu viel.“

Kurzum, was keinem Politiker, keinem Künstler, auch keinem Sportler im Vereinsdreß zugestanden wird – der Argentinien-Equipe billigte man’s zu: ein Wesen höherer Art zu sein, das nur bei gleichzeitiger Verbeugung und unter Erwähnung der von A und B angehäuften Meriten kritisiert werden darf.